Eine Ära hat ihr Ende gefunden

Nach 36 Jahren Wirkens in der Hof-Apotheke tritt Farouk Shawki in den Ruhestand. Damit geht auch die mehr als 180-jährige Ära dieser traditionsreichen Apotheke zu Ende.

Christoph Oklé
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Er ist die Liebenswürdigkeit in Person – «El Hakim», der Heilkundige. «Vielen, vielen Dank und ich wünsche Ihnen alles, alles Gute», sagt der ägyptische Apotheker Farouk Shawki unzählige Male pro Tag in seiner mitfühlenden Art. So äussert er die Dankbarkeit seinen Kundinnen und Kunden gegenüber, die ihm für seine Hilfe in gesundheitlichen Fragen eigentlich in erster Linie dankbar sind. Doch Farouk Shawki zeigt sich dankbar dafür, dass er helfen darf.

Während 36 Jahren führte er die altehrwürdige Hof-Apotheke. Gestern stand Shawki, der Ende dieses Monats 74 wird, zum letzten Mal in seinem Geschäft. Und damit ging nicht nur die Ära Shawki zu Ende, sondern auch die über 180-jährige Geschichte der Apotheke an der Kirchgasse 53 am Schnetztor. Denn trotz jahrelanger Anstrengungen hatte sich kein Nachfolger finden lassen.

Apotheker anstatt Pilot

Geboren und aufgewachsen ist Farouk Shawki in Kairo in einer liberalen muslimischen Familie. Obwohl sich der gläubige Muslim noch immer an die islamischen Vorschriften hält, weder Schweinefleisch zu essen noch alkoholische Getränke zu sich zu nehmen, ist ihm seine Toleranz geblieben. So hatte er auch die beiden in der Apotheke aufgestellten grossen Madonnenstatuen mit Jesuskind – eine als Maria Himmelskönigin – auf ihren Plätzen belassen. Er weist darauf hin, dass zu seiner Jugendzeit in Ägypten Muslime, Juden und Christen friedlich zusammengelebt und gar Religionsstunden der anderen beiden Bekenntnisse besucht hätten. So sei er etwa überrascht gewesen, als er von einem Freund erfahren habe, dass dieser nicht Muslim, sondern Christ war.

Nach der Matura 1956 trat Shawki in die Militärakademie ein, um Pilot zu werden. Die Akademie wurde aber zwei Wochen später während der Suezkrise von den Franzosen und Briten bombardiert und zerstört. Um im Jahr darauf an der Universität Pharmazie studieren zu können, hätte er die Matura erneut ablegen müssen, wozu er aber keine grosse Lust verspürt habe. Die Alternative dazu war ein Studium im Ausland.

Mischen aus Leidenschaft

Aus politischen Gründen kamen aber weder Frankreich noch England in Frage, und seine Wahl fiel auf Österreich. Nach einem zweimonatigen Deutschkurs am Goethe-Institut in Kairo konnte er problemlos sein Pharmaziestudium an der Universität Innsbruck aufnehmen. Dort lernte er in gemeinsamen Vorlesungen die Medizinstudentin Eva Margareth, seine spätere Ehefrau, kennen. Trotz eines anfänglichen Sprach-Handicaps absolvierte er das Studium in der üblichen Zeit.

Neben dem Kundenkontakt war das Herstellen von Heiltinkturen und -salben die Leidenschaft des Magisters der Pharmazie. Mit grosser Befriedigung erfüllt ihn, dass viele Ärzte seine Präparate bezogen haben – Lücken im Angebot der pharmazeutischen Industrie.

Nach mehreren Jahren als angestellter Apotheker verwirklichte er sich seinen Traum einer eigenen Apotheke und entschied sich 1975 für jene am Hofplatz in Wil, obwohl ihm aus unternehmerischen Gründen dringend davon abgeraten worden sei.

Keine Goldgrube

Obwohl sie auf dem goldenen Boden liegt, hätten die warnenden Stimmen Recht behalten, erklärt der Apotheker aus Leidenschaft; bei einer bescheidenen Lebensführung habe es aber immer irgendwie gereicht. Und gelegentlich wird sich der (auch) Wiler Bürger in seinem Ruhestand vielleicht gelegentlich eine Reise in seine alte Heimat Ägypten leisten können. Obwohl die Apotheke aus wirtschaftlichen Gründen nicht weitergeführt werden kann, soll sie als Kulturgut erhalten bleiben. Farouk Shawki hat das Haus an der Kirchgasse, «das zum grossen Teil sowieso der Bank gehört», wohl noch nicht definitiv veräussert, doch besteht ein Vorvertrag, in dem auch dieses für ihn wichtige Detail geregelt ist.

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