Einblick in umstrittenes Kaufobjekt

Am 23. August wurde der Verein Textilmuseum Sorntal gegründet, und am 25. November stimmt Niederbüren über den Kauf der Museumsliegenschaft ab. Was die Gemeinde zum Preis von 430000 Franken erhält, zeigte sich am Tag der offenen Tür.

Ernst Inauen
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Niederbüren kann mit dem Erwerb des Museumsgrundstücks und des Gebäudes in den Besitz eines kulturell bedeutenden Zeitzeugen der Textilgeschichte kommen. Nachdem gegen den Kaubeschluss des Gemeinderats das Referendum ergriffen wurde, stimmt die Bürgerschaft am 25. November an der Urne über das Vorhaben ab.

An einem Tag der offenen Tür hatte die Bevölkerung am Samstag Gelegenheit, sich ein Bild über den Zustand des Gebäudes und den Wert des Ausstellungsgutes zu machen.

Gut organisierter Besuchstag

Das schöne Spätsommerwetter begünstigte den Anlass. So konnte der organisierende Vereinsvorstand die kleine Festwirtschaft auf dem Vorplatz einrichten. Die Führungen übernahmen der Gründer und bisherige Kurator Gottlob Lutz, sein Mitarbeiter Franz Kettel sowie einige technisch versierte Mitglieder. Diese informierten die Interessierten über die Textilgeschichte und die authentischen Ausstellungsobjekte, die auf drei Stockwerken ausgestellt sind. Weil praktisch alle Maschinen und Geräte noch funktionsfähig sind, wurden einige kurz in Betrieb gesetzt.

Gut organisierter Besuchstag

Die Besuchenden äusserten sich beeindruckt von der Vielfalt des historisch wertvollen Museumsgutes, das einen vertieften Einblick in das Fabrikleben und in die Industrie- und Sozialgeschichte des 19./20. Jahrhunderts ermöglicht. Die Objekte reichen von den ursprünglichen Geräten der Heimindustrie bis zu weiter entwickelten Web-, Stick- und Spinnmaschinen aus den Anfängen der Industrialisierung. Einige sind über 150 Jahre alt.

Viele Maschinen wurden von Schweizer Textilmaschinenherstellern wie MF Rüti, Saurer, Martini oder Benninger hergestellt. Einmalig ist eine Sammlung von rund 2,5 Millionen Stoffmustern aus den Bereichen Stickerei, Weberei, Stoffdruck, Flechterei, Strickerei und Wirkerei sowie aus der Strohindustrie und anderen Fachgebieten. Sie fanden besonders das Interesse von Frauen. Handgeschriebene Bücher und Protokollen dokumentieren die damaligen Arbeitsbedingungen.

Das Textilmuseum Sorntal im dreistöckigen Gebäude ist in drei Bereiche eingeteilt. Im Erdgeschoss stehen authentische Maschinen und Geräte aus der Frühzeit der Industrialisierung. Im ersten Obergeschoss kann man die ursprüngliche Situation eines Fabriksaals aus dem Jahr 1850 bestaunen. Der historische Raum mit den hölzernen Geräten der damaligen Heimindustrie fasziniert durch eine besondere Atmosphäre.

Neben Spinn- und Spulrädern weisen Arbeitsgeräte für die Flachsverarbeitung, die Handstickerei, die Strickerei, den Stoffdruck, die Strohverarbeitung, die Handweberei und die Jacquardweberei auf die Vielfalt der textilen Berufe hin. Stolz ist Gottlob Lutz auch auf das Obergeschoss. «Das Archiv ist mein grosser Schatz, der wichtige Dokumente, Geschäftsbriefe, Geschäftsbücher, eine Vielzahl von Stoffmusterbüchern und eine Textilbibliothek enthält.»

Einmalige Gelegenheit

Die heutige Besitzfamilie aus dem deutschen Sindelfingen machte der Gemeinde Niederbüren das Angebot, die Liegenschaft mit 3952 m2 Boden und dem Gebäude zum Preis von 430000 Franken zu übernehmen. Diese amtliche Verkehrswertschätzung erfolgte aufgrund der zweckbestimmten Liegenschaftsnutzung. Die aktuelle amtliche Schätzung bestätigt einen Gebäudezeitwert von 874000 Franken und zusammen mit dem Grundstück einen Sachwert von 1,093 Millionen Franken. Museumskurator Gottlob Lutz wird das Ausstellungsgut kostenlos zur Verfügung stellen.

Der Gemeinderat steht geschlossen hinter dem Kaufbeschluss. Ebenso befürworten viele Niederbürerinnen und Niederbürer dieses Vorhaben. So auch Ernst Dezlhofer und Felix Düring: «Wir könnten eine Ablehnung nicht verstehen. Das wäre ein unbegreiflicher Schildbürgerstreich. Allein die Liegenschaft und das Grundstück sind ein Mehrfaches des Kaufpreises wert."