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Ein Zürcher verliert sich im Wiler Teufelsrausch

Am Gümpelimittwoch wurde der Fastnachtsbeginn zelebriert. Ein grosses Fest für alle Wilerinnen und Wiler. Doch wie kam ein Zürcher inmitten der pulsierenden Stadt zurecht? Eine Reportage.
Nicola Ryser

Es gibt diesen Film, «Lost in Translation» aus dem Jahr 2003 mit Bill Murray und Scarlett Johansson, die zwei Amerikaner in der japanischen Hauptstadt Tokio spielen. Sie fühlen sich einsam und verloren inmitten der schillernden Metropole, gehören irgendwie gar nicht dorthin.

Zumindest ähnlich habe ich mich bei meinem ersten Gümpelimittwoch gefühlt. Ich, seit bald 26 Jahren ein waschechter Zürcher Oberländer, ohne jegliche Fastnachtsvergangenheit und Kenntnisse des Wiler Fastnachtsrausches. Doch ich war neugierig. Und so stand ich am Mittwoch um 19 Uhr auf dem Hofplatz im dicht gedrängten Treiben und war mir sicher, dass ich der Einzige unter Tausenden war, der keine Ahnung hatte, was nun alles passieren würde. À la «Lost in Translation», irgendwie im falschen Film.

Auf dem Hofplatz wurde am Gümpelimittwoch traditionsgemäss die Fastnacht eröffnet. Bilder: Nicola Ryser

Auf dem Hofplatz wurde am Gümpelimittwoch traditionsgemäss die Fastnacht eröffnet. Bilder: Nicola Ryser

Ein Knall – und dann wurde es «gfürchig»

Es ist nicht so, dass ich mich unwohl gefühlt habe. Im Gegenteil. Die Stimmung war so ausgelassen und ansteckend, wie ich sie zuvor nur selten erlebt hatte. Überall wurde gelacht, palavert, gejohlt. Die Guggenmusik der Wiler Bäretatze spielte bekannte Poplieder, durch den Trommelwirbel und das Trompetengeblase verfiel ich selbst in eine Art rhythmische Trance, wippte mit. Und dann waren da noch diese Verkleidungen, die mir ein Lächeln auf das Gesicht zauberten. Ein klassischer Gringo mit buschigem Schnauz und überdimensionalem Sombrero, ein Super Mario, wie er direkt aus dem Videospiel stammt, oder zwei menschliche Cupcakes inklusive Schokostreusel auf dem Kopf, um nur mal die ausgefallendsten zu nennen. Ich erkannte: Für die Wiler symbolisierte dieser Abend einen ersten Höhepunkt des noch jungen Jahres.

Obacht: Die Wiler Tüüfel lehren den Fastnächtlern das Fürchten.

Obacht: Die Wiler Tüüfel lehren den Fastnächtlern das Fürchten.

Dann ein Knall. Eine Rakete stieg empor und explodierte. Kurz erschrocken realisierte ich schnell: Das war der Startschuss. Doch für was? Die Menschen versammelten sich vor dem Tor zum Hof, bildeten eine Gasse. Bereits wurden rote Rauchpetarden vor dem Tor platziert. Spannung lag in der Luft, viele Menschen zückten die Handykameras. Ein junger Mann neben mir sagte:

«Jetzt ist in Wil der Teufel los.»

Und tatsächlich. Aus dem Höllentor kamen sie durchs Blitzgewitter in Scharen gerannt, die Tüüfel. Rot, schwarz und weiss, mit zerfetztem Haar und verschmitztem Lächeln, mit ausgestreckter Zunge und leuchtenden Augen schwirrten sie durch die Marktgasse. Um ganz ehrlich zu sein: Während viele Kinder Freude an den teuflischen Gestalten hatten, lief mir kurzzeitig ein Schaudern über den Rücken. Die diabolischen, fast «gfürchigen» Fratzen waren für einen jungfräulichen Fastnächtler wie mich eine ungewöhnlich intensive Erfahrung.

Mit der Schweinsblase im Gesicht

Fliessend ging es über zum nächsten Programmpunkt, nun vor dem in Blutrot leuchtenden Baronenhaus. Hintereinander traten sie auf den Platz: Stadttambouren, Guggenmusikertruppen, Hexen und noch mehr Teufel. Viele waren bewaffnet mit Bonbons, ungefähr einer Tonne Konfetti – und einem Gerät, dass ich zuerst nicht einordnen konnte. Es schien eine Art Ballon, dreckig, nass und befestigt an einem Stock. Das Utensil wird «Suublotärä» genannt, für mich zuerst nur schwer auszusprechen. Erst im Nachhinein wurde mir erklärt, dass es sich hierbei um eine Schweinsblase handelt. Mit der «Suublotärä» jagen die Teufel den «Nörgeli» vom Hofplatz, um den Frühling einzuläuten. Nur rannte der Typ – buchstäblich wie vom Teufel besessen – auf mich zu und so wurde ich selbst ein Opfer von Schweinsblasen-Schlägen. Der Nörgeli hatte wohl gemerkt, dass ich ein Zürcher bin.

Die Schnäggegugger im Rampenlicht: Ohne Musik geht fast gar nichts.

Die Schnäggegugger im Rampenlicht: Ohne Musik geht fast gar nichts.

«Huh ä Lotsch!» Wie bitte?

Was folgte, war viel Gerede. Zuerst hielt Stadtpräsidentin Susanne Hartmann eine kurze Ansprache, danach kam die Bulle von Michael Sarbach, dem Herold der Fastnachtsgesellschaft Wil. Wie ein Bürgermeister aus dem 18. Jahrhundert stand er am Fenster der zweiten Etage des Baronenhauses, während das gemeine Fussvolk zu ihm hinauf lugte und lauschte. Es wurde gespottet und gelästert, über das Beizensterben, die Klimakrise und den Stadtrat.

Im Visier: Der Herold spottet im Baronenhaus, die Teufel hören zu.

Im Visier: Der Herold spottet im Baronenhaus, die Teufel hören zu.

Und nach fast jedem Vers erklang es unisono in der Wiler Altstadt: «Huh ä Lotsch!» Wie bitte? «Huh ä Lotsch!» Was für ein Lotsch? «Eins zu eins übersetzt bedeutet es ‹Huch eine Maske!›», sagte mir eine ältere Dame. Insgesamt 20-mal wurde der Satz gesagt, wie ein Schlachtruf erklang er jedes Mal ein bisschen lauter. Und am Ende rutschte es sogar mir, dem Zürcher, über die Lippen.

Einen kurzen Moment lang auch ein Wiler

Der Schlusspunkt setzte der Wiler Fastnachtsmarsch, gesungen von der ganzen Stadt. «Tüüfel, Tüüfel, Tüüfel. D Fasnachts-Zyt isch wieder do. Ich will au a d’Fastnacht go.» Schnell holte ich den Flyer hervor und sang ebenfalls, mit den geschriebenen Zeilen in der Hand. Und auch wenn ich den Ton und Rhythmus nicht immer traf, so fühlte ich mich doch kurz selbst wie ein Wiler.

Als das Lied zu Ende ging, war die Fastnacht eröffnet, das Fest hat nun erst richtig begonnen. Ich, der Zürcher, machte mich mit einem Kilo Konfetti in den Schuhen und Ohren auf den Heimweg. Doch die Stimmung, die Bilder von grinsenden Teufeln und nassen Schweinsblasen, blieben im Kopf hängen. Zuhause angekommen, wollte ich nur noch «Gute Nacht» sagen. Doch unverhofft rutschte es heraus: «Huh ä Lotsch!»

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