Ein Zeitzeuge verschwindet

Beim Flawiler Rehwald standen einst Liegestühle in einer Halle. Die sogenannte Liegehalle diente tuberkulösen Kindern als Erholungsstätte. Die Halle wurde später an der Landbergstrasse als Einstellhalle benutzt. Nun wird sie abgebrochen.

Ramona Cavelti
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Die an Tuberkulose erkrankten Kinder erholten sich um 1923 auf Liegestühlen beim Rehwald. (Bild: pd)

Die an Tuberkulose erkrankten Kinder erholten sich um 1923 auf Liegestühlen beim Rehwald. (Bild: pd)

FLAWIL. «Als Kind habe ich Personen beim Rehwald liegen sehen. Es sah aus, wie wenn sie in Liegestühlen unter einem Dach liegen würden.» Ella Steurer, die Archivarin des Ortsmuseums Flawil, ist eine der wenigen, die sich erinnern kann. Erinnern an eine Erholungsstätte im Flawiler Rehwald. Diese «Liegestühle unter einem Dach» waren aber nicht eine andere Art von Ferien.

Die sogenannte Liegehalle diente vielmehr der Erholung von an Tuberkulose erkrankten Kindern.

Auf Initiative des Frauenvereins

Ernst Siegenthaler, Vizepräsident des Ortsmuseums, zeigt auf Bildern, wo sich diese Liegehalle einst befunden hatte. Er selbst kann sich nicht an die Halle erinnern, er hat aber später in der Nähe des Rehwaldes gewohnt. In einem Dokument, das vor ihm liegt, ist die Geschichte der Walderholungsstätte kurz geschildert. «Nach einem Vortrag von Vater Dr. Wille im Juni 1918 über die Tuberkulose-Fürsorge beschloss das Komitee des Gemeinnützigen Frauenvereins Flawil, ein Subkomitee ins Leben zu rufen. Patientenbetreuung, Desinfektion der Wäsche, Aufklärung über Ansteckungsgefahren waren deren Hauptaufgabe», ist darin zu lesen.

Bekämpfung der Tuberkulose

In einer Arbeit der ETH Zürich, «Die Tuberkulosefürsorge in der Schweiz», wird die historische Entwicklung der Tuberkulose-Fürsorgestellen in der Schweiz genauer beschrieben und dabei auch die Gemeinde Flawil erwähnt: «Vor 1900 besass die Schweiz ungefähr 20 Vereinigungen, die sich der Aufgabe stellten, die Tuberkulose zu bekämpfen. 1902 wurde die Gesellschaft <Schweizerische Zentralkommission zur Bekämpfung der Tuberkulose> ins Leben gerufen. Der Name wurde 1919 in <Schweizerische Vereinigung gegen die Tuberkulose> geändert.

Die Vereinigung hatte den Zweck, alle der Abwehr der Tuberkulose gewidmeten Bestrebungen der Schweiz zusammenzuschliessen und zu fördern. Sie gab einen starken Impuls, indem sie sich bemühte, in den Kantonen Vereinigungen ins Leben zu rufen, die sich der Tuberkulose an ihren Entstehungsherden annehmen sollten. 1904 entstand in Solothurn die erste Vereinigung dieser Art.»

Flawil mit Erholungsstätte

In den weiteren Jahren wurden laut dem Dokument weitere Fürsorgestellen in der ganzen Schweiz gegründet. Im Kanton St. Gallen wurde die «Gesellschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose» 1908 gegründet. «Im ganzen Kanton wurden 31 Fürsorgestellen für die betreffenden Gemeinden ins Leben gerufen. Die älteste davon ist diejenige von Rapperswil-Jona (1907). St. Gallen-Stadt und Flawil hatten eigene Erholungsstätten mit Liegehallen», schreibt die ETH Zürich. Flawil war somit eine der wenigen Gemeinden mit einer eigenen Erholungsstätte mit Liegehalle. Gebaut werden konnte die Halle gemäss Dokument von Ernst Siegenthaler erst 1921. «Dann war das Vermögen, das durch Legate und Schenkungen gewachsen war, gross genug, um das verfolgte Projekt einer Liegehalle beim Rehwald zu realisieren.» Diese sei jeweils während der Sommermonate geöffnet gewesen und sei von zahlreichen Patienten benützt worden.

Aus Liegehalle wird Wohnblock

«Die Liegehalle wurde 1939 verkauft, da im Spital ein Ersatz geboten wurde», erzählt Ernst Siegenthaler. Er vermutet, dass die Halle danach nicht mehr lange beim Rehwald stand. «Sie steht nun schon seit langer Zeit an der Landbergstrasse. Wann genau sie gezügelt wurde, weiss ich aber nicht», sagt er. Viele Personen wüssten nicht, dass dieses Häuschen einst eine Liegehalle für an Tuberkulose erkrankte Kinder war, ist Siegenthaler überzeugt. Denn nebst der langen Zeit, die seither vergangen ist, fällt das kleine Gebäude, das bis jetzt als Einstellhalle benutzt wurde, nicht auf. Nur die Visiere, die davor stehen. «Die ehemalige Liegehalle wird nun abgebrochen und durch Wohnbauten ersetzt», erklärt Ernst Siegenthaler.

Die Liegehalle und Walderholungsstätte beim Rehwald. Sie war jeweils während der Sommermonate geöffnet. (Bild: pd)

Die Liegehalle und Walderholungsstätte beim Rehwald. Sie war jeweils während der Sommermonate geöffnet. (Bild: pd)

Die Visiere stehen: Die ehemalige Liegehalle, die seit langer Zeit an der Landbergstrasse steht, wird nun abgebrochen. (Bild: Ramona Cavelti)

Die Visiere stehen: Die ehemalige Liegehalle, die seit langer Zeit an der Landbergstrasse steht, wird nun abgebrochen. (Bild: Ramona Cavelti)

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