Ein Zauberer mit Benzin im Blut

Wiler Persönlichkeiten – Teil 12: Seine Leidenschaft für das Automobil wurde Marcel Wolgensinger in die Wiege gelegt. Mit 66 schrieb er sich nochmals an der Universität ein. Sein grosses Hobby ist das Restaurieren von Auto-Veteranen.

Friedrich Kugler
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WIL. 1936 gründete Paul Wolgensinger an der Unteren Bahnhofstrasse in Wil eine mechanische Werkstätte für Autos, Motorräder, Velos und landwirtschaftliche Geräte mit Verbrennungsmotor. Während der Kriegsjahre baute der Tüftler ein halbes Dutzend Traktoren mit Holzvergaser, aber auch Fahrräder. 1947 unterschrieb Paul Wolgensinger einen Vertrag zum Vertrieb der Marke Renault. 1948 erfolgte die Eröffnung der Bahnhof-Garage Wil. Ende 1961 trat Sohn Marcel in den väterlichen Betrieb ein. In der zweiten Generation erweiterte Marcel Wolgensinger das Unternehmen um zwei weitere Standorte in Herisau und St. Gallen. Heute ist die Wolgensinger AG einer der grössten Renault-Händler der Schweiz.

Mit Sesselklebern bekundet Marcel Wolgensinger Mühe. So mischt er sich seit der Stabübergabe im Jahr 2008 ganz bewusst nicht in die Geschäfte seines Sohns ein. Rückblickend stellt der Wiler Geschäftsmann fest, dass sich das Autogewerbe in den letzten 20 Jahren grundlegend verändert habe. «Die Automechaniker von einst gibt es nicht mehr. Waren diese früher gut ausgebildete Handwerker, führen sie heute kaum mehr Reparaturen im ursprünglichen Sinn aus. Weil jetzt der Austausch elektronischer Teile klar im Vordergrund steht, lautet die neue Berufsbezeichnung Mechatroniker», erklärt Marcel Wolgensinger.

Mit 66 an die Universität

Nach seinem Rückzug aus dem Geschäftsleben wollte der frühere Garagenbesitzer nicht in ein Loch fallen und gefordert bleiben. Er hielt Ausschau nach neuen Wegen. 2007 schrieb er sich als weitaus ältester unter den Kommilitonen an der Universität Konstanz ein. Bis 2011 belegte er dort unter anderem Aufbaustudiengänge mit Zertifikat in «Kartellrecht», «Unternehmensstrafrecht und Recht der Auftragsvergabe» sowie «Wirtschafts- und Steuerrecht», welche den Master-Abschluss ermöglichen würden. «Wenn der Geist nicht mehr mitmacht, zerfällt der Körper. Bricht die Spannung nach dem Berufsleben abrupt ab, wird man krank», ist Marcel Wolgensinger überzeugt. Das neu erworbene Wissen wird er bei der Ausübung einzelner Mandate aus dem Autogewerbe einbringen können.

Schon in der Jugendzeit begeisterte sich der Wiler für Auto-Veteranen. Seit dem Rückzug aus dem Geschäftsleben findet er vermehrt Zeit für das Restaurieren und die Pflege von Oldtimern. Dieses Hobby ermöglicht ihm, der zum eigentlichen Experten wurde, weltweite Kontakte. Aus traurigen Ruinen bzw. Rosthaufen zaubert Marcel Wolgensinger in aufwendiger Handarbeit stolze Oldtimer, welche in neuem Glanz das Herz jedes Auto-Liebhabers höher schlagen lassen.

Im Vorstand des Schweizer Motor-Veteranen-Clubs diente Marcel Wolgensinger in diversen Funktionen. Bei der Betriebsübergabe an seinen Sohn hatte er sein Büro komplett geräumt. In seinem Haus am Nieselberg steht ihm seither eine Drehbank zur Verfügung, an der er unzählige Stunden verbringt. Zuletzt hat der Garagist im Ruhestand einen Jaguar XK 150 S aus dem Jahr 1958 in ein Schmuckstück verwandelt. Bei der zeitraubenden Beschaffung von Originalteilen kommt ihm sein feinmaschiges Netzwerk zugute.

Sportgeist am Steuer

«Sonntagsausfahrten mit einem meiner Autoveteranen sind weniger mein Ding. Ich will auch am Steuer noch gefordert werden», gibt Marcel Wolgensinger zu Protokoll. Jährlich beteiligt er sich an vier bis fünf Oldtimer-Rallys, an denen er mit möglichst leistungsstarken Fahrzeugen seinen Sportgeist unter Beweis stellen kann. Bei diesen Zeitfahren, die vor allem in Italien und Österreich ausgetragen werden, kann es durchaus vorkommen, dass es an einem Tag 14 Dolomitenpässe und eine Gesamtdistanz von 270 Kilometern zu bewältigen gilt.

Zaubern kann Marcel Wolgensinger nicht nur beim originalgetreuen Wiederaufbau von Fahrzeugen, die eigentlich reif für den Schrottplatz waren, sondern auch als Zauberer im landläufigen Sinn. 1973/74, als die Erdölkrise die Autobranche hart traf, wollte er den Beweis erbringen, dass er sich und seine Familie im Notfall auch als Magier durchbringen könnte. Der Versuch gelang: Mit seinen Auftritten unter einem Pseudonym liess sich tatsächlich Geld verdienen. Seine handwerklichen Tricks musste er letztlich nie zum Broterwerb machen.

Geblieben ist die Freude an unbezahlten Auftritten in privaten Kreisen. «Dass die Fingerfertigkeit mit dem Alter langsam nachlässt, spüre ich allerdings schon etwas», gesteht der Wiler.

In einer losen Serie porträtiert die Wiler Zeitung Persönlichkeiten aus der Stadt Wil, die sich im Ruhestand befinden. Sie zeigt auf, wie diese nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben ihren Gewinn an Freizeit nutzen und dabei sogar zu teilweise neuen Ufern aufbrechen.

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