Ein Schreibprojekt kommt ins Rollen

Bettinas B(l)ickwinkel

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Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wo und wann ich Ines das erste Mal begegnete. Sie war plötzlich da, in meinem Kopf und kurz darauf auf Papier. Eine Frau Ende Zwanzig, durchaus hübsch, gebildet und mit einer eigenen Sicht auf die Welt. Obwohl sie viel nachdenkt, lässt sie sich am Ende doch meist von ihren Gefühlen leiten, dagegen kann sie sich kaum wehren. Sie ist neugierig und möchte das Leben auskosten.

Meine Finger flogen über die Tastatur, als ich zum ersten Mal aufschrieb, was Ines vor meinem inneren Auge erlebte. Sie beobachtet gebannt jemanden aus dem Fenster, verbringt die Nacht mit einem ihr kaum bekannten Mann, kommt in Kontakt mit einem Markthändler, vor dem sie sich ekelt, stösst dann unsanft mit einer fremden Frau zusammen. In der Geschichte klingt das so:

(...) So bemerkte Ines die elegant gekleidete Frau hinter ihr erst, als sie schon mit ihr zusammengestossen war. Beide Frauen verloren das Gleichgewicht, konnten sich aber gerade noch fangen. Die Frau schaute Ines verärgert ins Gesicht und öffnete den Mund, um etwas zu sagen. (...)

Die Gedanken an die Fremde lassen Ines nicht mehr los, sie ist fasziniert von ihr und folgt immer weiter ihren Impulsen, um ihr nahe zu sein. Aus welcher Perspektive ich diese Geschichte erzählen werde, wie die Protagonistin sich entwickeln wird, ja nicht einmal, ob ihr Name wirklich Ines bleibt, weiss ich zum jetzigen Zeitpunkt mit Sicherheit.

Ich wünschte mir Zeit und Raum, diese Idee wachsen zu lassen und zu Papier zu bringen. Das Stipendium Bick der Stadt Wil bietet mir nun diese Möglichkeit. Es bedeutet mir Motivation und Herausforderung zugleich. Ich habe einen Monat lang Zeit im Atelier Bick in Sant’Abbondio im Tessin, um an dieser Geschichte zu arbeiten. Nur Ines und ihre Erlebnisse werden mir Gesellschaft leisten. Wie packe ich das nur an? Manchmal hilft mir da ein Gespräch mit Ines:

«Ines, was stehst du denn so verloren mitten auf der Strasse? Los, beweg dich!» – «Ich weiss nicht mehr weiter, was passiert mit mir denn nun?» – «Das weiss ich noch nicht, ich wollte abwarten und beobachten, wo es dich als nächstes hinzieht.» – «Aber, jetzt stehe ich hier und es scheint so, als ob ich es selber nicht weiss. Es fehlen mir ein Ziel und auch ein Grund, diese Strasse jetzt zu überqueren. Wo will ich denn überhaupt hin?»

Die Arbeit an diesem Text hat schon lange vor dem Aufenthalt im Tessin begonnen. Sie wird, realistisch betrachtet, auch danach noch andauern. Ich habe mich gewagt, mich mit dieser Geschichte auf den Weg zu machen. Wohin sie mich führt, davon lasse ich mich überraschen.

Bettina Scheiflinger

Bettina Scheiflinger ist die erste Gewinnerin des Wiler Bick-Stipendiums. Im Mai wird sie einen Monat lang in einem Haus des verstorbenen Künstlers Eduard Bick im Tessin schreiben. Vor und während des Aufenthalts veröffentlicht die Autorin Kolumnen in der Wiler Zeitung.