Ein Regelwerk auf Tierhaut

Schriftliche Juwelen aus dem Stadtmuseum – Teil 4: Der Grosse Vertrag wurde 1492 zwischen dem Kloster St. Gallen und der Stadt Wil abgeschlossen. Er ist einerseits gross in der Gestalt, anderseits aber auch in seiner Bedeutung.

Ursula Ammann
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Im Mittelalter dienten bearbeitete Tierhäute – Pergamente – als Beschreibstoff. Sie wurden später vom Papier abgelöst. (Bild: pd)

Im Mittelalter dienten bearbeitete Tierhäute – Pergamente – als Beschreibstoff. Sie wurden später vom Papier abgelöst. (Bild: pd)

WIL. «Das geht auf keine Kuhhaut», heisst es in einer Redewendung. Ihr Ursprung liegt im Mittelalter. Damals wurde noch auf bearbeiteten Tierhäuten geschrieben – auf Pergament. Auch in Wil war das so. Ein Beispiel dafür ist der Grosse Vertrag von 1492. Er wurde am Donnerstag vor Valentinstag zwischen der Stadt Wil und dem Kloster St. Gallen – namentlich dem Abt Gotthard Giel – abgeschlossen.

81 auf 51 Zentimeter

Die Äbtestadt gehörte damals zum Kloster St. Gallen und stand – wie es der Name schon sagt – unter äbtischer Herrschaft.

Mit seinen 81 auf 51 Zentimetern stellt der Grosse Vertrag das grösste Pergament dar, das aus der Wiler Vergangenheit übrig geblieben ist. «Dieser Vertrag ist aber nicht nur gross in seiner Gestalt, sondern auch in seiner Bedeutung», erklärt Stadtarchivar und Museumsleiter Werner Warth. Das Dokument bildet die wichtigsten Rechte, Freiheiten und Pflichten der Vertragspartner ab. Unter anderem wurde darin das Wahlverfahren für Schultheiss (Stadtpräsident), den Kleinen und den Grossen Rat geregelt. Der Abt schlug die Kandidaten vor, die Wahl hatten aber die Bürger. Des Weiteren enthielt der Grosse Vertrag Bestimmungen in den Bereichen Handel und Steuern und regelte den Umgang mit fehlbaren Bürgern.

Ein Vertrag mit vielen Siegeln

«Interessant ist auch, wer sein Siegel unter den Grossen Vertrag gesetzt hat», sagt Werner Warth. Es waren Alt Schultheiss Werner von Meggen, Abt Heinrich von Fischingen, Ulrich Muntprat, Ritter von Zuckenriet, und Ulrich von Castel, Vogt zu Schwarzenbach. «Alles wichtige Leute, die bezeugen konnten, was zwischen den Vertragspartnern verhandelt wurde», erklärt Warth.

Lange Gültigkeitsdauer

Insgesamt umfasst der Grosse Vertrag mit der Einleitung 22 Artikel. Kein Wunder also, dass dafür ein grosses Pergament erforderlich war. Das Dokument hatte in Wil bis 1803 Gültigkeit. Nach dem Zusammenbruch des Ancien Régime wurde das Kloster St. Gallen aufgehoben und Wil stand nicht weiter unter äbtischer Herrschaft.

In loser Serie präsentiert die Wiler Zeitung einzelne Aspekte aus der aktuellen Ausstellung «Schriftliches» im Wiler Stadtmuseum.

Für den Grossen Vertrag von 1492 war ein grosses Pergament erforderlich. Er enthält 22 Artikel, welche die Rechte und Pflichten der Bürger und des Abts regeln. Mehrere wichtige Leute setzten ihr Siegel darunter. (Bild: Ursula Ammann)

Für den Grossen Vertrag von 1492 war ein grosses Pergament erforderlich. Er enthält 22 Artikel, welche die Rechte und Pflichten der Bürger und des Abts regeln. Mehrere wichtige Leute setzten ihr Siegel darunter. (Bild: Ursula Ammann)