Ein Raum voll mit Vollraum

Am Wochenende vom 7./8. September veranstaltet das Wiler Künstlerkollektiv Ohm 41 die zweimal-24-Stunden-Performance «Vollraum» in der Lokremise: Anarchisch, chaotisch, strukturiert.

Philipp Haag
Merken
Drucken
Teilen

WIL. Sie bewegt sich irgendwo zwischen Anarchie, Chaos und Struktur, die nächste Ausstellung des Wiler Künstlerkollektivs Ohm 41. Ein Gegensatz? Nur scheinbar. Die Kunstschaffenden verweben das vermeintlich nicht vereinbare bei ihrem Performance-Wochenende von «zweimal 24 Stunden» am 7./8. September zu einer Einheit, zu einem sich jeglicher Logik entziehenden Ganzen. Die Wiler Künstler füllen die 10 000 Kubikmeter der Lokremise in Wil mit Alltagsgegenständen. So lässt zum Beispiel Roland Rüegg eine Papierflut, einen «Zeitungsfall» quer durch die Halle «fliessen», Andreas Schedler baut den Schachtelturm zu Wil, stapelt also Kartonbehälter bis zur Decke, Thomas Freydl stellt ein Campingzelt auf oder Peter Kreier kreiert eine «Vollfühl»-Oase.

Die Lokremise ist in Zonen eingeteilt. Die einzelnen Objekte haben nur in diesen Zonen einen Bezug zueinander. Ansonsten haben sie keine Verbindung, ausser: Sie füllen die Lokremise ganz nach dem Ausstellungsmotto «Vollraum». «Wir wissen selber nicht ganz genau, was der jeweils andere macht», sagt Markus Eugster, der mit Renato Müller Videos an eine Wand projiziert und diese farbgestalterisch verwandelt. Das Ungewisse ist denn auch ein weiterer Aspekt, mit dem die Künstler spielen wollen: Das Überraschungsmoment. Dieses hat ja auch etwas anarchisch-chaotisches an sich.

Vom Nichts zum Voll

Die Vollraum-Performance ist im Geiste des letzten Ohm-41-Experiments zu sehen: Dem «Leerraum» in Porto. Neun Mitglieder des Künstlernetzwerks reisten für ein «Nichts» in die zweitgrösste Stadt in Portugal. Ein Bestandteil der Wiler Kunstdemo im Süden war eine Schweigestunde. Die Ohm-Künstler setzten sich in einem vitrinenartigen Raum hin und sagten: nichts. Dadurch wurden sie auf sich selbst zurück geworfen. Die Ohm-Performance in der Lokremise, der Vollraum, ist das pure Gegenteil. Überflutung, Überreizung, Übertreibung. Dieser Überfluss impliziert auch eine gesellschaftskritische Frage. Wohin führt diese durch die Reiz- und Produkte-Üppigkeit ausgelöste «Null»-Orientierung, Wertelosigkeit, unsere Gesellschaft? «Es wird spannend sein, wie wir Ohm-Mitglieder mit diesem Gegensatz umgehen», sagt Eugster. Er sieht die Leerraum-Vollraum-Achse auch als Gruppenprozess, als Aktion, bei der sich die Gruppe noch näher findet, «oder nicht». Während sie beim Leerraum schwiegen, sprechen sie beim Vollraum. Die Künstler sind während des gesamten Wochenendes, also zweimal 24 Stunden, in der Lokremise anwesend. An beiden Tagen, sowohl am Samstag als auch am Sonntag kommt es zu Stunden des offenen Mikrophons. Besucher können sich zu den Objekten äussern, loben, kritisieren, beurteilen. «Es kann alles gesagt werden», sagt Eugster. Durch das offene Mikro treten die Künstler in eine Interaktion mit den Besucherinnen und Besuchern.

Überdies rufen die Ohm-Künstler das Publikum auf, die Installationen zu bewerten und ein Inventar zu erstellen. Wenn sich einer der Künstler weigert, dann entscheiden die restlichen Ohm-Protuperatoren – sie nennen sich selber so – ob das Werk aufgenommen wird oder nicht. Schliesslich wird das beste Inventar-Stück gewählt. «Toll wäre, wenn der Besucher, der das Objekt ausgewählt hat, bei der Stadt Wil den Antrag stellt, dieses unter Schutz zu stellen.» Der ironische Einschlag der Kunst-Inventur ist durchaus gewollt. «Heute wird alles unter Schutz gestellt. Wir wehren uns dagegen», sagt Eugster. Bei dieser Aussage blitzt der Ursprung des Künstlerkollektivs wieder auf: Das Widerspenstige. Gegründet als Widerstandsgruppierung gegen die Welcome-Figur auf dem Bahnhofplatz sind die Kunstrebellen durch den im Jahr 2012 verliehenen Anerkennungspreis der Stadt Wil im Kunst-Establishment angekommen. Trotzdem, das rebellische ist geblieben, das Ohm-Kollektiv hat das anklagende und provokative an der Kunst nie abgelegt. «Durch die Vollraum-Performance besetzen wir einen öffentlichen Raum.» Obwohl, es ist eine gesittete Besetzung, wie Eugster anmerkt, «aber eine mit chaotischen Zügen». Das Chaos soll denn auch das Lebendige und das Bewegliche an der Kunst symbolisieren. «Wir möchten uns bewusst von den starren Kontexten und Settings in anerkannten Ausstellungsräumen abgrenzen», sagt Eugster.

Schulen sind eingeladen

Und dieses chaotisch-bewegliche möchten die Ohm-Künstler gerne auch Schülerinnen und Schülern näher bringen. «Schulen sind eingeladen, am Montag den Ohm-Betrieb in der Lokremise zu besuchen», sagt Eugster. Vielleicht kann er bis dann auch erklären, wieso die Performance zweimal 24 Stunden dauert, und nicht 48 Stunden.

Anmeldung für Schulen und Infos zur Ausstellung auf der Homepage: vollraum.jimdo.com/