Ein Ort, der jedem Kraft spendet

Die St. Iddaburg in Gähwil ist einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte im Kanton St. Gallen und der grösste im Toggenburg. Wallfahrtspriester Walter Strassmann erzählt, was es mit der heiligen Idda auf sich hat und warum der Ort auch Nichtgläubige anzieht.

Martina Signer
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Wallfahrtspriester Walter Strassmann in der Kirche der St. Iddaburg. Im Hintergrund ist die heilige Idda mit dem Hirsch zu sehen, der ihr mit seinem leuchtenden Geweih den Weg gewiesen hat. (Bilder: Martina Signer)

Wallfahrtspriester Walter Strassmann in der Kirche der St. Iddaburg. Im Hintergrund ist die heilige Idda mit dem Hirsch zu sehen, der ihr mit seinem leuchtenden Geweih den Weg gewiesen hat. (Bilder: Martina Signer)

Herr Strassmann, seit wann gibt es den Wallfahrtsort St. Iddaburg?

Walter Strassmann: 1860 kaufte Pfarrer Jakob Anton Wäspi aus Mühlrüti den Boden auf dem Iddaberg einem Landwirt aus Kirchberg ab. Die Fläche rund um den alten Standort der Alt-Toggenburg war für den Bauern nur bedingt nutzbar, weshalb Wäspi das Land für wenig Geld erwerben konnte. Das Gelände für die Zufahrt wurde Wäspi geschenkt und so baute er auf dem Iddaberg ein Priesterhaus und eine Iddakapelle.

Was lockt die Pilger auf die Iddaburg?

Strassmann: Zum einen ist natürlich die Wirtschaft mit ihrem guten Essen weitherum bekannt. Der Ort an sich ist sehr romantisch und die Legende der heiligen Idda wird auch immer gerne gehört. Viele kommen auch her, um eine Kerze anzuzünden. Sei es in der Kirche oder in der Lourdes-Grotte, die 1888 gebaut wurde. Es heisst, dass sie eine der frühesten Maria-Lourdes-Grotten in der Schweiz, wenn nicht sogar die allererste gewesen sei und dass sie bis heute die grösste geblieben ist. Mit dem Anzünden der Kerze hoffen die Pilger, dass ihr Anliegen, für das sie beten, zusätzlich unterstützt wird.

Und was macht den Wallfahrtsort Ihrer Meinung nach einzigartig?

Strassmann: Die heilige Idda. Denn hier ist der einzige Idda-Wallfahrtsort. Idda ist eine Heilige mit einer sympathischen Geschichte. Von ihr wird erzählt, sie habe um das Jahr 1200 vorerst in Au und dann beim Kloster Fischingen in Einsamkeit gelebt und sei als Beraterin sehr geschätzt gewesen. 1480 wollte dann ein Dekan in Fischingen dem Wallfahrtsort wieder zu mehr Popularität verhelfen, weshalb er die Legende um die heilige Idda gewoben hat.

Wie lautet diese Legende?

Strassmann: Es heisst, die süddeutsche Gräfin Idda sei dem Grafen von Toggenburg zur Frau gegeben worden. Als sie ihren Ehering auf ihr Fensterbrett legte, wurde dieser von einer Elster – oder einem Raben, je nach Überlieferung – ins Nest gebracht. Ein Knecht hat den Ring gefunden und sich angesteckt. Als der Graf dies herausfand, vermutete er ein Techtelmechtel zwischen dem Knecht und seiner Gräfin. Also stiess er seine Frau im Zorn über die Burgmauern der Alt-Toggenburg.

Und sie überlebte den Sturz.

Strassmann: Ganz genau. Sie zog sich daraufhin in die Einsamkeit zurück und freundete sich mit einem Hirsch an, der ihr jeweils mit seinem leuchtenden Geweih den Weg im Wald wies. Der Graf folgte dem aussergewöhnlichen Hirsch und fand seine Frau unversehrt vor, was ihn reumütig machte. Er war überzeugt, sie hätte durch ein Wunder überlebt und wenn sie ihn tatsächlich betrogen hätte, stünde sie nun nicht lebendig vor ihm.

Welche helfenden Eigenschaften werden der heiligen Idda zugeschrieben?

Strassmann: In ihrem Sarkophag im Kloster Fischingen – wo die sterblichen Überreste früher aufbewahrt wurden – ist ein Schlitz eingelassen, in den man seine Füsse stecken kann. Sie soll also bei Fussleiden helfen. Es werden aber noch eine ganze Reihe weiterer Wunder mit ihr in Verbindung gebracht, wie im Buch «150 Jahre Wallfahrtsort St. Iddaburg» festgehalten ist.

Sie soll auch vor Stürzen schützen. So steht es auf dem Weg hierher auf einer Tafel am Wegrand.

Strassmann: Das stimmt nicht ganz. Sie schützt nicht vor dem Sturz an sich, sorgt aber dafür, dass der Stürzende ohne grösseren Schaden überlebt. So heisst es im Zusammenhang mit einem Unfall aus dem Jahr 1931, als ein Auto mit acht Insassen 50 Meter in die Tiefe gestürzt ist, die heilige Idda hätte geholfen. Das steht auf der erwähnten Tafel. Denn die Insassen kamen mit einigen Kratzern davon. 1954 stürzte ein 16-Jähriger bei Vermessungsarbeiten am Absturzort der heiligen Idda. Die restlichen Arbeiter waren geschockt und machten sich auf den Weg in der Angst, der Junge hätte nicht überlebt. Er kam aber mit einigen Schürfungen bereits wieder auf sie zu. Und der dritte Vorfall fand 1990 statt, als eine Autofahrerin versehentlich den Rückwärtsgang eingelegt hatte und mit dem Auto über den Plateaurand in die Tiefe stürzte. Auch sie blieb – einige Schnittwunden ausgenommen – unverletzt. Das Auto erlitt Totalschaden.

Hilft die heilige Idda auch bei seelischen (Ab)Stürzen?

Strassmann: So heisst es, ja. Früher verfügte der Wallfahrtsort auch über Zimmer zum Übernachten für Leute, die seelischen Beistand benötigten. Und die Iddaburg ist ein richtiger Kraftort. Die Menschen spüren hier oben, wie sie mit neuer Kraft erfüllt werden. Ob dies mit ihrem Glauben an die heilige Idda zusammenhängt, kann man nicht sagen. Denn es kommen auch viele nicht aktiv Gläubige hierher, die mit dem Ort neue Lebenskraft in Verbindung setzen.

Was bedeutet Ihnen persönlich die Iddaburg?

Strassmann: Ich bin mit der Region tief verwurzelt, aufgewachsen bin ich im Mosliger Birg. Und meine erste Wallfahrt führte auf die Iddaburg. Zu Fuss dauerte der Weg hierher gut zwei Stunden. Später sind meine Freunde und ich oft mit dem Velo hierher gefahren. Dabei bin ich übrigens selber einmal – beim Runterfahren von der Iddaburg – gestürzt und glimpflich davongekommen.

Was ist ihr wichtigstes Anliegen in Bezug auf die Iddaburg?

Strassmann: Ich hoffe, dass der Wallfahrtsort auch weiterhin gut gepflegt wird und noch lange erhalten bleibt. Dass es auch nach mir wieder einen Priester gibt, der gerne hier oben wohnt. Denn wenn dies ein Priester nicht macht, verkaltet der Ort sozusagen emotional. Die Gespräche mit den Leuten geben diesem Ort eine Wärme, die ihn heimelig macht.

Und was wünschen Sie sich für die Zukunft der Iddaburg?

Strassmann: Ich wünsche mir, dass ich noch einige Jahre hier bleiben kann. Dass der Wallfahrtsort so schön und romantisch bleibt, wie er jetzt ist. Und, dass er auch in Zukunft ein Ort für gläubige und nicht gläubige Pilger bleibt, wo diese sich geborgen fühlen können.

Panoramabild des Kirchberger Malers Jakob Häne mit Blick auf Kirche, Gasthaus und den Weg, der zur Lourdes-Grotte führt. (Bild: pd)

Panoramabild des Kirchberger Malers Jakob Häne mit Blick auf Kirche, Gasthaus und den Weg, der zur Lourdes-Grotte führt. (Bild: pd)

Dani Schärz entlockt der neuen Orgel die ersten Töne. Walter Strassmann und Uwe Hubmann, Stiftungsrat, hören zu (von links).

Dani Schärz entlockt der neuen Orgel die ersten Töne. Walter Strassmann und Uwe Hubmann, Stiftungsrat, hören zu (von links).