Ein neu gespanntes Kulthurspinnennetz

WIL. Eine bemerkenswerte Kunstausstellung mit Hobbykunstschaffenden und semiprofessionellen Kunsthandwerkenden aus der weiteren Region hat über das Wochenende in der Lokremise in Wil stattgefunden.

Michael Hug
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Ein gebrannter Männerkopf grüsst wortlos gleich beim Eingang. Daneben eng verdrahtete Frauenkorpora (Reni Mitschunig, Kirchberg). Den Besuchenden frierts ein wenig. Doch gleich vis-à-vis wirds ihm wieder warm ums Herz. Kunstvoll drapierte Sommerblumen (Rita Bregg und Judith Preisig, Rickenbach), nur in Grün und Gelb komponiert, bringen Sommerstimmung in die graukühle Lokremise. Den Verstand an seine Grenzen bringen Fotografien (Christoph Gerber, Zuzwil) in Makroperspektive: Sind es natürliche Gesteinsformationen, künstliche Abschleifungen von Holz oder ausgewaschene Felsen, diese Krusten, Furchen, Schuppen? Und dann diese Gegenstände aus Filz (Cecile Jud, Zuzwil), aus dem Haar des Walliser Bergschafs gefertigt, welchem Zweck könnten sie dienen?

Neue Plattform

Ins Leben gerufen wurde diese neue Ausstellung von Li und Eugen Gutknecht aus Bronschhofen sowie Verena und Walter Gysel aus Zuzwil. «Als wir vor einem Jahr begonnen haben, Ideenfäden zu spinnen, haben wir bald bemerkt, dass wir die Fäden zu einem Netz spinnen sollten. Und so hat sich ein Netz daraus ergeben, ein Netz, das für vielfältiges Kulturschaffen da sein sollte.» Mit diesen einführenden Worten hatte Verena Gysel den Sinn der Ausstellung schnell erklärt. Das Schaffen von Nicht-Profis, bemerkte Walter Gysel, Amateur- oder Hobbykunst, Kunst aus den stillen Kämmerchen in der Region links und rechts der Thur. Was sich auch im Titel der Ausstellung ausdrückt: «Kulthurnetz».

«Zwischendurch meint man, man spinne, wenn man solche Ideen hat», sagte Li Gutknecht, angesprochen auf die Vorbereitungen. Da lag es nahe, die Plattform als Netz zu benennen. Ein neues Netz in der Kulturlandschaft in und um Wil, ein Netz für Kunst- und Kulturschaffende, die nicht oder selten im kulturellen Bühnenlicht stehen. Ein typische Vertreterin dieser ambitionierten Hobbykunstschaffenden ist Cecile Jud aus Zuzwil. Sie formt Gegenstände der etwas anderen Art, und zwar aus Tierhaaren: Stolas, Lampen, Sommerkleider, Wohnungsaccessoires. «Es ist alles zum Brauchen, man kann auch alles waschen.» Was heisst, dass ihre Arbeiten nicht zum Anschauen hergestellt wurden, sondern eigentliche Gebrauchsgegenstände sind, auch wenn sie derart filigran und beinahe zerbrechlich daherkommen, dass man sie zu berühren fast nicht wagt.

Gysel und Chlorophyll

Doch neben Accessoires aus Filz, Engeln aus Ton, Krippen aus Holz, Bildern in Acryl, Keramik in Raku-Technik, Objekten in Kunstharz, Bilder-Büchern auf CD oder Skulpturen aus Beton gab es an der zweitägigen Ausstellung in der Lokremise auch Kulinarisches in Brot und Wein. Und natürlich Musik. Auch hierbei blieben die Organisatoren in der Region. Das Unterhaltungsprogramm bestritten der Singer/Songschreiber Michael Gysel, Sohn des einen Organisatorenpaares, und der 60köpfige Chor «Chlorophyll», der von Vater Walter Gysel geleitet wird. Und auf die Kleinen wartete am Sonntagmorgen Jaqueline Rubli und sang mit ihnen von Trollen, Elfen und Feen. Nichts versprechen wollten die Organisatoren, aber man darf doch hoffen, dass diese Plattform weiterlebt und auch künftig zu erleben sein wird.