Ein Narr, wer sich ärgert

Ist jemand ein Narr, wenn er den Narren aus dem Weg geht? Diese Frage stellt sich gegenwärtig unweigerlich: Die Fasnachtstage stehen bevor. Mit Wil, Lenggenwil und Sirnach ist die Region eine Fasnachts-hochburg. Die Narren bevölkern die Strassen und die Restaurants.

Philipp Haag
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St. Gallen - Philipp Haag Redaktion Wiler Zeitung (Bild: Philipp Haag)

St. Gallen - Philipp Haag Redaktion Wiler Zeitung (Bild: Philipp Haag)

Ist jemand ein Narr, wenn er den Narren aus dem Weg geht? Diese Frage stellt sich gegenwärtig unweigerlich: Die Fasnachtstage stehen bevor. Mit Wil, Lenggenwil und Sirnach ist die Region eine Fasnachts-hochburg. Die Narren bevölkern die Strassen und die Restaurants. Komisch verkleidet und mit skurrilen Masken bedeckt, einem sich den Sinn nicht erschliessenden Ruf rufend, tröten sie einem ohrenbetäubend in die Ohren, bewerfen und bestopfen einen mit Konfetti, die abends aus der Unterwäsche purzeln. Es herrscht Narrenfreiheit, die der eine oder andere sich auch beim Alkohol nimmt und über die Stränge schlägt. Ist ein Narr, wer dieses Narrentreiben närrisch findet und dem Jahrhunderte alten Brauchtum den Rücken kehrt?

Nein, wer sich einfach abwendet und die Narren in den paar Tagen der fünften Jahreszeit trotz lautem Getöse Narren sein lässt. Ja, wer sich ärgert und schimpft. Denn die Fasnachtstage sind nicht einfach nur Tage der Ausgelassenheit, in denen es Erwachsene lustig finden, einander zu narren. Abgesehen des jahrtausendealten Ursprungs, verbunden mit einer tiefen Tradition, hat die Fasnacht, die Fastnacht, der Fasching und der Karneval etwas Verbindendes und Ungekünsteltes. Es sind Tage, in denen das Dorf, die Stadt sich trifft, die Leute in ungezwungener Ambiance aufeinander zugehen. Es werden Freundschaften geschlossen, alte wieder aufgefrischt. Es sind Tage, während denen Familien gemeinsam etwas unternehmen. Die Kinder verkleiden sich beim Fasnachtsumzug, Papi und Mami ziehen mit roter Nase und auf die Backe aufgemaltem Smiley mit.

Während der Fasnachtstage herrscht die Losung der französischen Revolution vor: liberté, egalité, fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit). Die Fasnächtler sind Brüder und Schwestern, sie verstehen sich ohne Worte. Sie sprechen die gleiche Sprache. Alle sind sich gleich. Es herrscht kein Dünkeldenken vor, Berufe und Qualifikationen spielen keine Rolle. Das alltägliche Korsett verschwindet. Die (alkoholhaltige) Freiheit darf aber nicht überstrapaziert werden. Anstand und Respekt vor dem Gegenüber müssen gewahrt bleiben. Wer von den Narren dies missachtet, ist tatsächlich ein Narr, denn er bringt ein lieb gewordenes Brauchtum in Verruf.

philipp.haag@wilerzeitung.ch

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