Ein Nährboden für Volapük

Ausgegraben

Ursula Ammann
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«Flawil binon zif in kanton St. Gallen in Jveizän.» Übersetzt ins Deutsche heisst dieser Satz: «Flawil ist eine Gemeinde im Kanton St. Gallen in der Schweiz.» Während in besagter Ortschaft wohl kaum jemand mehr Volapük spricht, spukt ­Wikipedia seine Einträge – wenn gewünscht – in dieser Plansprache aus. Geschaffen wurde sie ums Jahr 1880 vom Konstanzer ­Pfarrer Johann Martin Schleyer. «Einer Menschheit eine Sprache», war sein Motto, oder wie es auf Volapük heisst: «Unam uni generi humano linguam.»

Grosse Verdienste um die Verbreitung des Volapük in der Schweiz hatte offenbar Josef Anton Geser aus Bichwil. Er erteilte in den 1880er-Jahren unter anderem in Flawil Unterricht in dieser neuen Weltsprache. Über 70 Jahre alt war er damals. Im Buch «Das erste Jahrzehnt der Weltsprache Volapük» aus der Feder des Deutschen Volapükisten Rupert Kniele taucht Geser gleich mehrmals auf. Der Bichwiler engagierte sich auch in einem Verein in Herisau, für den er zahlreiche Mitglieder gewinnen konnte.

Doch die Weltsprache wurde auch belächelt. Und so kam es, dass der «Nebelspalter» Flawil im November 1885 in diesem Zusammenhang zum Gespött der Nation machte. Auf der Titelseite des satirischen Wochenblatts waren unter anderem folgende Reime zu lesen.

«Germanisten, Sanskritisten, Philologen alt und neu, könnet gehn’n ihr alten Mohren, eure Weisheit ist vorbei.

Denn die Sprache aller Sprachen, eine Sprachenrepublik. In Flawyl wird sie doziret, diese Sprach’ heisst ‘Volapük’.»

«Die Reklam’ gewisser Pillen, die man allerorten schätzt, wird auch in die volapük’sche Wundersprache übersetzt; Allgemeine Uebel­keiten, fluxus, fluxio und ­fluor, kommen bei den Botokuden wie bei den Inner-Rhödlern vor.

Ratione ducitur toggius, das weiß man schon! – morgen reis’ ich nach Flawyl und nehm’ die erste Lektion.»

Auch in der Westschweiz bekam man Notiz vom starken Engagement der Ostschweizer für die Weltsprache. In der «La Liberté» vom 16. März 1887 stand geschrieben: Nirgendwo in der Schweiz habe das Volapük so viele enthusiastische Anhänger gefunden wie in Herisau. Die Mitglieder des Grütlivereins dieser Ortschaft, wie auch diejenigen von Flawil und Gossau, sprächen sich äusserst energisch für die Annahme der Universalsprache aus. In der gleichen Meldung berichtet die Zeitung über eine lange Konferenz zum Thema. 200 Volapükisten seien dieser aufmerksam und mit Wohlwollen gefolgt. Es sprach offenbar ein Lehrer aus Bichwil – wohl war damit Josef Anton Geser gemeint.

Auch ein gewisser Gottlieb Wirth, Lehrer in Jonschwil, Johann Bösch und Adolf Pfändler, beide Lehrer in Degersheim, sowie der Degersheimer Sakristan Josef Hagmann waren des Volapük mächtig und hatten die ­Lizenz zum Unterrichten in der Tasche. Durchsetzen konnte sich die Plansprache aber trotz allen Engagements auch in dieser Region nicht.

Ursula Ammann