Ein Museum spaltet das Dorf Niederbüren – wie es dazu kommen konnte

Seit Monaten ist das Textilmuseum Sorntal Gegenstand hitziger Diskussionen in der Gemeinde. Jetzt hoffen die Betroffenen auf Ruhe nach dem Sturm.

Tobias Söldi
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Das Textilmuseum Sorntal, untergebracht im ehemaligen Spinnereigebäude aus dem Jahre 1850, zeigt zahlreiche funktionierende Maschinen aus der Textilindustrie. (Bild: Andrea Häusler)

Das Textilmuseum Sorntal, untergebracht im ehemaligen Spinnereigebäude aus dem Jahre 1850, zeigt zahlreiche funktionierende Maschinen aus der Textilindustrie. (Bild: Andrea Häusler)

Es ist eine Geschichte, die nicht so recht ins beschauliche Niederbüren passen will. Eine Geschichte, die von gespaltenen Lagern und aufgerissenen Gräben, emotionsgeladenen Diskussionen und unerwarteten Wendungen erzählt. Die Rede ist vom Textilmuseum Sorntal, einer nachgebildeten «Museumsfabrik», die auf etwa 900 Quadratmetern Fläche Zeugnisse und historische Textilmaschinen aus der Zeit des industriellen Aufbruchs zeigt.

Angefangen hat alles vergangenen Herbst. Die Gemeinde plante den Kauf der Liegenschaft des Textilmuseums für 430'000 Franken, um dessen Zukunft zu sichern. Ein Vorhaben, das nicht allen passte: Auf Initiative von Bruno Wagner wurde das Referendum ergriffen. Die Vorwürfe an den Gemeinderat waren happig: Dieser habe Unwahrheiten verbreitet, die Unterhaltskosten für die «alte Fabrik, die nur kostet», wie die Gegnerschaft in einem Flugblatt formulierte, seien um einiges höher als von der Gemeinde angegeben – Vorwürfe, welche der Gemeinderat von sich wies und betonte, dass der Unterhalt durch den Museumsbetrieb gedeckt werde.

Enttäuschung und Hoffnung

Die Argumente der Gegner fielen auf fruchtbaren Boden: Der Gemeinde gelang es nicht, Klarheit zu schaffen. Am 25. November schickten 418 Nein-Stimmen gegenüber 338 Ja-Stimmen den geplanten Kauf bachab. Wie sehr das Thema beschäftigte, belegte die Stimmbeteiligung von 71 Prozent.

Beim Verein Textilmuseum, im Sommer 2018 zum Erhalt des Museums gegründet, sass die Enttäuschung tief. Doch man rappelte sich auf und nahm die Zukunft der Institution in die eigene Hand. Am 12. Februar stimmten die Vereinsmitglieder dem Kauf der Liegenschaft durch den Verein zu. An den Kaufbetrag von 430'000 Franken sollte die Gemeinde Niederbüren 100'000 Franken beisteuern. Das Blatt schien sich gewendet zu haben.

Und wieder herrschte Uneinigkeit

Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende: Das vorerst letzte Kapitel bildet die Gemeindeversammlung vergangene Woche, an welcher unter anderem über den oben erwähnten Betrag abgestimmt wurde. Und wieder herrschte Uneinigkeit: Die Gegnerschaft meldete sich zu Wort, sprach mit Blick auf den im Herbst abgelehnten Kauf von der Missachtung des Volkswillens und befürchtete, dass zukünftige Restaurationen und Folgeprojekte das Budget der Gemeinde belasten werden. Es kam zur hitzigen Diskussion. Die Bürgerschaft entschied sich letztlich mit 174 Stimmen gegenüber 129 Stimmen gegen den Vorschlag der Gegnerschaft, den Beitrag von 100'000 Franken auf 10'000 zu senken.

Das Fazit der Ereignisse: Zwar hat man sich in Niederbüren letztendlich für das Textilmuseum ausgesprochen, doch es lässt sich nicht verbergen, dass die Diskussion das Dorf in den letzten Monaten gespalten hat. Wie konnte es soweit kommen? Auch Richard Holenstein, Präsident des Vereins Textilmuseum hat sich diese Frage gestellt. «Ich habe das nie ganz richtig herausgefunden», sagt er.

Es haperte mit der Kommunikation

Während sich der Sturm langsam legt, schält sich der Kern der Geschichte immer mehr heraus. Nicht die Entscheide der Bürger, sondern die Art und Weise der Kommunikation verschiedener Beteiligter hinterlässt einen schalen Beigeschmack: Den Anfang machte fehlende Information über das geplante Kaufvorhaben von Seiten der Gemeinde, gefolgt von der ungewohnten Art der Offensive der Gegnerschaft mithilfe eines Flugblattes, was nicht «der gelebten Umgangskultur im Dorf entspricht», wie Gemeindepräsident Niklaus Hollenstein damals sagte. Es ging weiter mit dem Fehlen der gegnerischen Argumente im Abstimmungsgutachten und endete in emotional geführten, wenig sachlichen Debatten an der Gemeindeversammlung.

«Ich bin froh und dankbar über das Resultat, aber die Art, wie die Diskussion geführt worden war, hat mir zu denken gegeben», sagt Richard Holenstein einige Tage nach der Gemeindeversammlung. Aus diesen Gründen hat sich auch Cornelia Rusch als Schulratspräsidentin in der Sache bewusst neutral verhalten:

«Wir wollten keine Stellung nehmen, weil wir gemerkt haben, dass die Lager sehr unterschiedlich sind und wir uns von dem Ausmass, welche die Diskussion angenommen hat, distanzieren wollten.»

Es sei sehr schade gewesen, dass die Kommunikation nicht mehr sachlich und wertschätzend, sondern personenbezogen vonstattengegangen sei. Die Gegnerschaft war für ein Statement nicht zu erreichen.

Hoffnung auf Ruhe nach dem Sturm

Von Seiten der Gemeinde lässt Ratsschreiber Markus Ramseier stellvertretend für den in den Ferien weilenden Gemeindepräsidenten Niklaus Hollenstein vermelden, das Volk habe zweimal demokratisch entschieden und diese Entscheide seien zu akzeptieren. «Wichtig ist nun, dass wieder Ruhe einkehrt», sagt Ramseier. Darauf hoffen alle Beteiligten. Vereinspräsident Richard Holenstein sagt:

«Ich glaube, dass die Abstimmung an der Gemeindeversammlung einen Abschluss darstellt. Jetzt schauen wir vorwärts.»

Museumskauf bachab geschickt

Mit 418 Nein- gegenüber 338 Ja-Stimmen hat Niederbüren den Kauf der Liegenschaft «Textilmuseum Sorntal» an der Urne abgelehnt. Dies bei einer Stimmbeteiligung von 71 Prozent. Gegen den Kauf für 430000 Franken war das Referendum ergriffen worden.
Andrea Häusler