Ein Lob auf den Stammtisch

Feierabend-Runde im Wirtshaus. Sprücheklopfer sind am Werk, und die Gerüchteküche brodelt. Aber auch Wahrheiten treten ans Licht. Am Stammtisch spielt das Leben. Er ist ein Ort des Sinnierens, Räsonierens – kurz, des Diskurses.

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Ein Lob auf den Stammtisch

Feierabend-Runde im Wirtshaus. Sprücheklopfer sind am Werk, und die Gerüchteküche brodelt. Aber auch Wahrheiten treten ans Licht. Am Stammtisch spielt das Leben. Er ist ein Ort des Sinnierens, Räsonierens – kurz, des Diskurses. Hier der Wortführer, dort sein Widerpart, daneben Beisitzer, die ab und an Argumente einwerfen. Verbale Gefechte mögen manchmal laut tönen, sich aggressiv anhören. Denn einig ist man sich eher selten. Und ehe man sich versieht, ist man mitten ins Fadenkreuz der meist virilen Gäste geraten.

Doch das hindert einen nicht daran, anderntags wieder zusammenzusitzen. Bis dahin ist der Streit, der immer auch mit einer Prise Ironie oder Sarkasmus verknüpft ist, längst wieder vergessen.

Stammtische sind eine Art von Heimat. Wer sich an den Tisch setzt, ist angekommen. Fühlt sich beinah wie zu Hause. Am Stammtisch spielt die Basisdemokratie. Er gilt als Stimme des Volkes.

Vox populi, vox dei: Eigentlich wäre der Besuch für Politiker und Angestellte der öffentlichen Verwaltung Pflicht. Hier könnten sie, anders als an irgendwelchen teuren Teamentwicklungs- oder anderen Seminarien, den Puls des Bürgers spüren. Ist doch der Stammtisch so etwas wie ein Mikrokosmos in einer globalisierten, zunehmend anonymer werdenden Welt.

Wobei sich die Kommunikationstechnologie paradoxerweise auf dem besten Weg dazu befindet, Menschen einander zu entfremden. Ganz anders der Stammtisch. Er ist ein Refugium, ein Ort des Austauschs. Tragen wir ihm Sorge. Droht doch ein Stück Kultur und Heimat verloren zu gehen.

Philipp Stutz

philipp.stutz@wilerzeitung.ch