Ein lebendiger Laufsteg

Am nächsten Wochenende kehrt das Sommerprojekt der Therapieateliers der Psychiatrischen Dienste auf den Laufsteg zurück. Es steht unter dem Titel «Wie viel Geschichte trägt ein Mensch?»

Michael Hug
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Hülle oder Geschichte: Trägt die Trägerin das Kleid oder ihre eigene Geschichte, verknüpft mit dem Kleid? (Bild: mhu)

Hülle oder Geschichte: Trägt die Trägerin das Kleid oder ihre eigene Geschichte, verknüpft mit dem Kleid? (Bild: mhu)

WIL. Vieles ist zweideutig bei diesem Kunstprojekt. Das beginnt schon beim Titel: «Wie viel Geschichte trägt ein Mensch?» Oder ist es vielmehr ein «Ertragen» seiner Geschichte? Was ist dabei untragbar? Sind die Menschen in der Klinik für die draussen untragbar? Trägt jeder und jede sein eigenes Schicksal oder lässt er oder sie es von anderen tragen? Was ist unerträglich? Sich ertragen lassen? Tragen, was untragbar ist? Gibt es Kleider, die getragen werden, aber eigentlich als untragbar gelten?

Untragbares wird tragbar

Untragbar sind einige der Mäntel in diesem Kunstprojekt. Kleider mit Geschichte, die in den letzten Monaten in den Therapieateliers – dem «Ateliers Living Museum» – der Psychiatrischen Klinik geschaffen worden sind. Kleider mit Pailletten aus gebranntem Ton, aus Kaffeekapseln, Büchern, Draht oder Holzschindeln. Mitgetragen, wenn sie auf den Laufsteg kommen, werden auch Geschichten. Die Geschichten der Aufbau- und Abfallprodukte, der Kaffeekapseln und Schindeln. Aber auch die Geschichten der Menschen, die die Kleider gefertigt haben, und die derer, die sie tragen. Sichtbar wird das durch den Akt des Tragens auf dem Catwalk, sicht-, hör- und erlebbar gemacht wird das auch durch multimediale Aufbereitung, präsentiert auf Leinwänden und durch Lautsprecher.

Lebendiges Theater auf Laufsteg

Seit rund zehn Jahren führen die Therapieateliers der Kantonalen Psychiatrischen Dienste in Wil jeweils ein Sommerprojekt für Patientinnen und Patienten durch. Das diesjährige Projekt stand unter dem Motto «Living Theatre Catwalk». Den Initianten mit Dr. Ruth Ehemann, Leiterin des Ateliers Living Museum, sowie Berndt Vogel, Leiter Naturpark/Grünflächenmanagement, und Graziella Berger Pecora, Leiterin theaterAtelier, ging es darum, «eigenständige Formen interaktiven Theaters zu entwickeln, das virtuelle und reale Geschichten verbindet, Untragbares mit Tragbarem verknüpft.» In Videos greifen Patientinnen und Patienten einen Teil ihrer – einer möglichen oder tatsächlichen – Lebensgeschichte auf. Sie erzählen, illustrieren, vertonen. Und die «Models» tragen Kleider – trendig, schräg und avantgardistisch.

Sphärisches Licht

Die exzentrische Modeschau läuft am nächsten Wochenende in der Scheune des ehemaligen Gutsbetriebs über den Laufsteg. Das von der Abteilung Naturpark und Gärtnerei für diesen Event bereitgestellte Heutenn wird mit einem aus dem Ateliers Living Museum geschaffenen Bühnenbild in ein sphärisches Licht getaucht. Die Scheune sei ideal, sagt Ruth Ehemann, gross genug sei sie, hoch und gähnend leer: «Ein Raum, der sich andient für solche Projekte, ein trotz der Leere sehr lebendiger und Geschichten erzählender Raum.» Ein Raum, der auch für ein «Living Museum», ein lebendiges, kunstschaffendes Museum nach dem Vorbild des Living Museum in New York höchst geeignet sei. Eine spannende Aufführung werde es werden, verspricht Ruth Ehemann: «Vielleicht werden die einen oder anderen Zuschauenden zum Fazit gelangen: Wie viel Geschichte müssen manche Menschen ertragen? Welche Geschichten trage ich selbst? Vielleicht werden sie sich auch fragen: Kann ich etwas dazu beitragen, dass Untragbares ein wenig tragbarer wird?»