Ein Leben in der Höhe: Der Oberuzwiler Hansruedi Wirth bestieg vier 8000er - auch den Mount Everest

Der Oberuzwiler Hansruedi Wirth war während 26 Jahren passionierter Höhenbergsteiger. Jetzt ist Schluss.

Rosa Schmitz
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Als Kind faszinierte Hansruedi Wirth ein Comic über die Besteigung des Mount Everest. Jahre später bestieg er selber mehrere 8000er – auch den Mount Everest.

Als Kind faszinierte Hansruedi Wirth ein Comic über die Besteigung des Mount Everest. Jahre später bestieg er selber mehrere 8000er – auch den Mount Everest. 

Bild: PD

Hansruedi Wirth hat während seiner 76 Lebensjahre mehrere 10'000 Kilometer zu Fuss zurückgelegt. Er ist leidenschaftlicher Höhenbergsteiger. Seit 1993 hat er an neun Expeditionen in Nepal, Tibet, China, Pakistan und Indien seine Höhentauglichkeit bewiesen. Er bestieg vier 8000er, darunter auch den Mount Everest.

«Die Berge sind seit frühester Jugend meine grosse Leidenschaft. Dies das ganze Jahr hindurch mit allen alpinen Disziplinen», sagt Wirth. Schon als Kind sei er mit den Bergen in Kontakt gekommen. Zum Beispiel im Jahr 1953. Er war damals in der dritten Primarschule. Die britische Mount-Everest-Expedition war zu dieser Zeit die neunte Bergsteiger-Expedition, die den Aufstieg auf den Mount Everest versuchte und die erste, die erfolgreich war. Am 29.Mai erklommen Edmund Hillary und Tenzing Norgay den Gipfel.

Respekt vor der Höhe

«Die Männer waren Helden. Sie wurden in allen Zeitungen gefeiert – es erschien sogar ein Comicheft über die Expedition», erzählt Wirth. Auch er habe sich eines gekauft. Die Zeichnungen hätten ihm das grosse Abenteuer nahegebracht. Sie zeigten die Route sowie die Ausrüstung und Ausstattung der Expedition.

«Ich war fasziniert davon, dass so ein Berg überhaupt besteigbar war.»

Aber der Respekt für Berge dieser Höhe habe ihn während seiner Jugend davon abgehalten, sich auf eine solche Abenteuerreise zu begeben. Wirth schloss stattdessen seine Ausbildung ab, begann als selbstständiger Architekt zu arbeiten und gründete eine Familie.

Erst 1993, als seine drei Kinder grösser waren, machte er sich das erste Mal ernsthafte Gedanken, ob Höhenbergsteigen nicht doch etwas für ihn wäre. Er hatte die Karriere von Reinhold Messner – «einer der bekanntesten Bergsteiger der Welt» – verfolgt, wie dieser zwischen 1970 und 1986 als Erster auf den Gipfeln aller vierzehn Achttausender stand. Ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff. Wirth war begeistert. Und entschied sich schliesslich, den 6189 Meter hohen Island Peak in Nepal zu besteigen.

Danach ging es 1996 über Pakistan nach China auf den Mustagh Ata. Diese Höhenbergsteigung erfolgt ab etwa 5000 Metern auf Skiern. «Das war der Startschuss für meine grosse Leidenschaft für die hohen Berge», sagt Wirth. «Mein Bergführer war überzeugt, dass ich auch den Versuch einer 8000er-Expedition machen könnte.»

Das Höhenfieber packte Wirth

Nach dieser Erfahrung auf einer Gebirgskette von ungefähr 7500 Metern packte Wirth der Ehrgeiz und er wollte mehr. 1998 bestieg er seinen ersten Berg über 8000 Meter – Shishapangma in Tibet. «Ein kleiner 8000er», erklärt Wirth. «Auf dieser Höhe ist es nämlich ein grosser Unterschied, ob der Gipfel auf 8000 oder 8200 liegt.» Danach gab es für ihn kein Zurückhalten mehr. Im gleichen Jahr noch folge die zweite 8000er-Expedition in Pakistan auf dem 8041 Meter hohen Gasherbrum II.

In wohldosierten Etappen auf den Gipfel

Mit 59 wagte Wirth sich erstmals an den 8848 Meter hohen Mount Everest. Und machte dabei eine Grenzerfahrung. «Da kommt keiner in einem Schwung hoch», erklärt Wirth. «Selbst die erfahrensten Höhenbergsteiger schaffen das nicht.» Jeder Berg über 7000 Meter müsse in einer gewissen Etappenfolge bestiegen werden.

Und zwar so: Etappe 1 beginnt zwischen zirka 4500 und 5500 Metern Höhe am Basislager. Hier müssen sich die Höhenbergsteiger zunächst akklimatisieren. Die meisten schlafen in dieser Höhe zunächst schlecht und kriegen Kopfschmerzen. Manche leiden sogar unter Höhenkrankheit und müssen umkehren. Etappe 2: Nach einigen Nächten im Basislager marschieren die Höhenbergsteiger zum ersten Mal weiter hinauf. «Ab dieser Höhe sollte man nicht mehr als zirka 600 Meter pro Tag zurücklegen, damit sich der Körper immer wieder neu akklimatisieren kann.»

Etappe 3: Schafft man es ins erste Höhenlager, übernachtet man dort und steigt am nächsten Morgen wieder ins Basislager ab, um sich zu erholen. Etappe 4: Wenn das gut gelingt, probiert man den Aufstieg zum zweiten Höhenlager – mit einer Übernachtung im ersten. Danach geht es noch einmal ganz runter ins Basislager. Diesmal für einige Tage. Geht es – körperlich und mental – gut, versucht man, es in wohldosierten Aufstiegsetappen bis ganz hinauf auf den Gipfel zu schaffen.

200 Meter unter dem Gipfel umgekehrt

Doch auf seiner ersten Mount-Everest-Tour schaffte Wirth die Besteigung knapp nicht. «Ich war 200 Meter unter dem Gipfel und die Zeit für den Gipfelaufstieg war zu knapp», erzählt er. Aus Sicherheitsgründen hätte man um zirka 11 Uhr auf dem Gipfel sein sollen – so war es abgemacht gewesen. «Das war wirklich bitter», erzählt Wirth. «Ich glaube, es wäre sich noch ausgegangen. Von den zehn Teilnehmern haben es fünf nicht im abgemachten Zeitfenster auf den Gipfel geschafft.»

Doch Wirth sagte sich, letztlich sei der Weg das Ziel – die Auseinandersetzung mit der Natur, den fremden Kulturen, die Begegnung mit den fremden Menschen und das Leben mit einfachsten Mitteln. Das seien die wesentlichen Faktoren einer solchen Expedition.

Zum Abschluss wieder an den Anfang zurück

Als Ausgleich zu seinen bergsteigerischen Tätigkeiten betrieb Wirth über die Jahre diverse andere Sportarten: Tennis, Badminton, Unihockey, Radfahren (Renn- und Mountainbike), Golf und Krafttraining. «Ich war schon immer sehr polysportiv unterwegs, um meinen Körper nicht einseitig abzunützen.»

Doch irgendwann ist genug mit Höchstleistungen. Vor fünf Wochen kam Wirth von seiner «Abschlusstour» aus Nepal zurück. «Ich wollte den Kreis schliessen und habe die fast gleiche Bergtour in Nepal gemacht wie damals vor 26 Jahren», erklärt er. «Ich wollte wissen, wie ich sie nach all diesen Jahren erleben würde.»

Es hat sich einiges geändert. So seien mehr Leute unterschiedlichster «Gattung» unterwegs als früher. Die Natur sei etwas abgenützter. Aber es habe sich gelohnt. «Beim ersten Mal kriegt man einfach vieles nicht mit. Es ist zu viel auf einmal.» Diesmal habe er sich voll auf seine Tour konzentrieren können. Das sei eine wichtige Erfahrung an einem schönen Ort gewesen, um danach aufzuhören. «Ich bin noch fit. Ich bleibe aktiv. Aber nicht über 5000 Metern», schmunzelt Wirth. Das habe er seiner Ehefrau versprochen. «Immerhin hat sie all das über Jahre mitgemacht und immer darauf vertraut, dass ich heil wieder nach Hause komme.»