Ein Ja zur Vorlage ist ein Ja zu Flawil

Leitartikel

Andrea Häusler
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Am 12. Februar werden Weichen gestellt. Denn, wenn Flawils Stimmberechtigte an der Urne über den Gemeindebeitrag von gut 4 Mio. Franken an die mit 8,6 Mio. Franken veranschlagte Sanierung der Wiler- und St. Gallerstrasse befinden, geht es um mehr als die blosse Instandstellung einer dorfquerenden Kantonsstrasse. Um mehr, als eine Verbesserung des Fussgängerschutzes oder die Verstetigung des Verkehrsflusses. Das Bauprojekt verändert das Dorfbild im Zentrumsbereich, bricht die starre Strassenführung auf und beeinflusst damit den Charakter eines Ortes, der zwar längst zur Stadt gewachsen ist, dessen dörfliche Ausstrahlung jedoch bewusst gepflegt wird. Ein Ja oder ein Nein an der Urne ist gleichzeitig ein Ja oder Nein zu einer augenfälligen Entwicklung Flawils.

Bauliche Veränderungen gibt es nicht umsonst. So einschneidende erst recht nicht. 8,6 Mio. Franken sind viel Geld. Auch wenn der Kanton einen happigen Betrag beisteuert, hat Flawil – nach Abzug der Beiträge aus dem Agglomerationsprogramm – noch immer rund 3,72 Mio. Franken aufzubringen. Das entspricht gut 20 Steuerprozenten. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Projekt ist daher mehr als angebracht. Auch wenn der Gemeinderat nicht müde wird zu versichern, dass sich Flawil die Investition leisten kann. Ohne dass dadurch eine weitere Reduktion des Steuerfusses per 2018 gefährdet wäre oder die Verschuldung übermässig anstiege. Schliesslich ist es eine Ermessensfrage, ob sich Flawils Bevölkerung die Veränderung in der vorgelegten Form zu diesem Preis leisten will.

Das Bauvorhaben ist nicht frei von Mängeln. Defizite sind hier und dort auszumachen – nachträglich korrigierbare, aber auch zu akzeptierende. Die öffentliche Diskussion hat sie zu Tage gebracht und gleichzeitig aufgezeigt, dass am Strassenrand Interessen aufeinanderprallen. Detaillisten bangen um ihre Parkplätze, Sinn oder Unsinn verkehrskonzeptioneller Anpassungen werden in Frage gestellt, unzureichende Schwenkradien für Lastwagen bemängelt, die Anordnung von Fussgängerstreifen kritisiert und – obwohl nicht umsetzbar – «Tempo 30» als Alternative zu «generell 50» gehandelt.

«Unausgegoren», «unbefriedigend», «zu wenig durchdacht». Die Liste der Adjektive, die das Fazit zahlreicher Gegner des Projekts auf den Punkt bringen sollen, liesse sich fast beliebig fortsetzen. Obwohl diverse Interessengruppen in den Planungsprozess einbezogen waren und ihre Anliegen eingebracht haben. Und trotz der vielen Gespräche mit mehr oder weniger Direktbetroffenen. Unbefriedigend? Für den einen oder anderen mit hoher Wahrscheinlichkeit. Denn das perfekte Projekt für jedermann gibt es nicht. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Unabhängig davon, ob entlang der Strasse Bäume gepflanzt werden. Nichtsdestotrotz sind die Vorbehalte der Projektgegner teilweise nachvollziehbar. Auch deren finanzielle Bedenken. Erst recht in einer Gemeinde, die trotz Steuerfusssenkung für dieses Jahr den zweithöchsten Steuerfuss im Wahlkreis Wil hat. Nur ist der Steuerfuss nicht einziges Kriterium für die Beurteilung der Standortattraktivität eines Ortes. Womöglich nicht einmal das wichtigste. Infrastruktur, Wirtschaftskraft, Arbeitsmarktentwicklung oder Verkehrsanbindung sind genauso gewichtige Faktoren. Und «last but not least» sind da die sogenannt «subjektiven Kriterien», die einen Ort für Menschen lebenswert- und liebenswert wirken lassen. Die Befürworter bewerten die Aufwertung, die das Projekt dem Dorfzentrum beschert, daher richtigerweise hoch.

Die Planung vereint in einem Gesamtpaket vieles, was seit Jahren auf dem Wunschzettel der Flawiler und Flawilerinnen steht: die Verbesserung der Verkehrssicherheit für Velofahrer und Fussgänger, die Verstetigung des Verkehrs und die Entlastung der Quartierstrassen vom Ausweichverkehr – speziell am Isnyplatz – und den Fortbestand des Dorfes als lebendiger Wohn-, Arbeits- und Einkaufsort. Der geplante Isny-Kreisel ist denn auch das verbindende Element zwischen den Projekt-Befürwortern und -Gegnern. Im Jahr 2002 noch abgelehnt, ist dessen Bau heute weitgehend unumstritten. Isoliert ist er allerdings nicht zu haben.

Alles oder nichts. Das Votum hat dem Projektleiter des Kantons in der Erläutrung des Bauvorhabens nicht nur Beifall gebracht. Trotz solider Begründung. Im vorgelegten Projekt sind die Bedürfnisse und Zielsetzungen von Kanton und Gemeinde aufeinander abgestimmt. Darüber hinaus brächte ein unkoordinierter Flickenteppich Flawil nicht das, was es benötigt, um auch für die kommenden Generationen attraktiv zu sein: nebst sicherheitsrelevanten Massnahmen vor allem eine Akzentuierung des dörflich-sympathischen Charakters.

In St. Gallen wurde die Dringlichkeit einer umfassenden Sanierung und Neugestaltung der Kantonsstrasse erkannt, dafür Millionen bereitgestellt. Verzichtet Flawil mit einem Nein an der Urne, beschränkt sich der Kanton als Bauherr auf jene Eingriffe, die er vornehmen muss. Den Bau von Inseln bei Strassenübergängen etwa oder die vorgeschriebenen Änderungen bei der Anordnung von Parkplätzen. Verzichtet Flawil, bedeutete dies weitgehender Stillstand für viele Jahre. Und eine verpasste Chance, mutig einen Schritt in Richtung Zukunft zu tun.

Andrea Häusler

redaktion@wilerzeitung.ch