«Ein Grund, die Städtepartnerschaft aufzulösen»: Wil distanziert sich von den homophoben Tendenzen in der polnischen Gemeinde Dobrzen Wielki

Die polnische Gemeinde Dobrzen Wielki diskutiert darüber, sich als sogenannte LGBT-freie Zone ausrufen. Die Juso des Kantons St.Gallen forderte die Stadt Wil auf, sich deutlich zu distanzieren. Gemäss Stadtpräsidentin Susanne Hartmann seien erste Abklärungen in die Wege geleitet worden.

Tobias Söldi
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An einer Pride-Parade im polnischen Plock demonstrierten Aktivisten gegen die homophoben Tendenzen in Polen.

An einer Pride-Parade im polnischen Plock demonstrierten Aktivisten gegen die homophoben Tendenzen in Polen.

Bild: Keystone

Beschaulich, ländlich, malerisch: Dobrzen Wielki ist eine 4500-Seelen-Gemeinde im Südwesten Polens, 200 Kilometer von der Grossstadt Krakau und 1000 Kilometer von Wil entfernt, Dobrzen Wielkis Partnerstadt in der Schweiz.

Die Website zeigt ein Örtchen in einer grünen, landwirtschaftlich genutzten Umgebung. Unter der Rubrik «It is worth seeing» ist eine Sitzbank in einem Park zu sehen, die Kirchen im Dorf, der Kern des Städtchens.

Hundert Gemeinden als LGBT-freie Zone

Doch die Idylle trügt. Gross-Döbern, wie das Dorf auf Deutsch heisst, diskutiert derzeit darüber, ob man sich als sogenannte LGBT-freie Zone ausrufen lassen will. Die Gemeinde würde damit explizit gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender Stellung beziehen.

In Polen haben das bereits rund 100 Gemeinden gemacht, wie der «Atlas des Hasses» zeigt, eine Online-Übersicht, auf der polnische Aktivistinnen und Aktivisten die diskriminierenden Entwicklungen festhalten.

Juso erwartet klare Distanzierung

Nachdem sich vergangenen Dezember bereits das Europäische Parlament mit dieser Entwicklung auseinandergesetzt und die Bildung solcher Zonen verurteilt hat, erreicht die Debatte nun Wil. In markigen Ton fordert die Juso des Kantons St.Gallen:

«Keine Partnerschaft mit homophoben Arschlöchern!»

Falls sich Dobrzen Wielki tatsächlich zu einer solchen homo- und transphoben Zone ausrufen lasse, müsse die Stadt Wil ihre Partnerschaft mit der Gemeinde sofort beenden, schreibt die Partei.

Der Medienmitteilung geht eine Stellungnahme der Stadtpräsidentin Susanne Hartmann auf der Internetplattform gay.ch voran, die auch den Auslöser der Juso-Mitteilung bildete. Sollte die polnische Gemeinde tatsächlich eine LGBT-freie Zone werden, erklärt Hartmann dort, werde man das «natürlich auch verurteilen und wohl entsprechende Konsequenzen ziehen».

Für die Jungsozialisten sind diese Formulierungen zu vage. Timo Räbsamen, Präsident der Juso des Kantons St. Gallen, sagt auf Anfrage sagt:

«Wir erwarten von der Stadt eine klare Aussage, dass sie die Partnerschaft kündigt, wenn dieser Fall einträte.»
Timo Räbsamen, Präsident der Juso Kanton St. Gallen.

Timo Räbsamen, Präsident der Juso Kanton St. Gallen.

Bild: PD

Ausserdem solle Wil bereits jetzt mit der Partnergemeinde Kontakt aufnehmen und deutlich machen, dass man diese Entwicklung nicht dulde. Kündigte Wil die Partnerschaft, sei dies auch ein starkes Zeichen der Unterstützung für die LGBT-Community.

Der drastische Ton der Pressemitteilung und die geforderte klare Distanzierung sind für Räbsamen denn auch angebracht.

«Es geht letztlich um eine menschenfeindliche Politik, die zu Ausgrenzungen, Gewalt und Suiziden führt. Es geht um Menschenleben.»

Diskussionen und Abklärungen im Gange

Auf Nachfrage der «Wiler Zeitung» findet Stadtpräsidentin Susanne Hartmann deutlichere Worte als noch vor einigen Tagen auf der Plattform gay.ch. Hartmann:

«Für mich persönlich wäre das ein Grund, die Städtepartnerschaft aufzulösen.»
Susanne Hartmann, Stadtpräsidentin Wil.

Susanne Hartmann, Stadtpräsidentin Wil.

Bild: PD

Sie fügt hinzu: «Die Diskussion müsste aber natürlich noch geführt werden.» Denn über eine allfällige Auflösung der Städtepartnerschaft entscheidet letztlich der Stadtrat. Angesichts der politischen Veränderungen in Dobrzen Wielki in den vergangenen Jahren stelle man aber Überlegungen darüber an, wie die Städtepartnerschaft in Zukunft aussehen soll. Hartmann sagt weiter:

«Diese Diskussionen laufen und erste Abklärungen wurden in die Wege geleitet.»

Bestandteil der laufenden Abklärungen sei auch, was aktuell der Stand der Debatte um die LGBT-freie Zone in Dobrzen Wielki sei. Viel scheint für Wil bei einer Kündigung aber nicht auf dem Spiel zu stehen. Die Städtepartnerschaft beinhaltet vor allem eine freundschaftliche Verbindung mit einem entsprechenden regelmässigen Austausch, schreibt Hartmann.

So reiste im Oktober des vergangenen Jahres eine Delegation der Stadt nach Polen. «Traditionellerweise würde ein Treffen zwei Jahre später in Wil stattfinden», sagt Hartmann. Ob es im nächsten Jahr dazu kommen wird, wird sich zeigen.