Ein Glasporträt und ein bisschen Flawil

Irgendwann gehen die Stühle aus in der Flawiler Gemeindebibliothek. Campingsessel werden angeschleppt, zwischen die Regale geschoben. Noch immer stehen Leute im Flur, schütteln den Schnee aus den Haaren und suchen vergeblich nach einem freien Garderobenhaken.

Andrea Häusler
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Stuhl um Stuhl füllte sich: Das Interesse an der Lesung war gross.

Stuhl um Stuhl füllte sich: Das Interesse an der Lesung war gross.

Irgendwann gehen die Stühle aus in der Flawiler Gemeindebibliothek. Campingsessel werden angeschleppt, zwischen die Regale geschoben. Noch immer stehen Leute im Flur, schütteln den Schnee aus den Haaren und suchen vergeblich nach einem freien Garderobenhaken. Mittendrin steht Hannes Specht, der Autor von «Glastraum», der samstagnachmittagliche Publikumsmagnet: weisses Hemd, dunkler Sakko, roter Schal, legere Segeltuchschuhe und ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. So viele Gäste habe man selten, sagt Bibliotheksleiterin Julia Tanner: «Man merkt, dass er Flawiler ist: Ich bin überwältigt.» Es ist wohl ihre letzte Begrüssung zu einer Autorenlesung. Nach der Hauptversammlung gibt sie ihre Aufgaben nach rund 20 Jahren ab.

Gläsernes Bildnis

Überwältigt ist auch Hannes Specht, der Rentner, der Bücher schreibt. «Als Hobby, so wie andere das Malen entdecken, Theater spielen oder sich um die Grosskinder kümmern», wie er sagt. Sein Werk «Glastraum» spielt in einem Dorf, dass sich erfolgreich dagegen wehrt, zur Stadt zu werden. Um zwei Linden geht es, ein geschenktes Industriellenhaus, das zum Ortsmuseum wird, um gestohlene Ziegel und den Fund eines hölzernen Kästchens mit dem gläsernen Bildnis des Huldrych Zwingli. Specht liest Episode für Episode. Hin und wieder ist ein Lachen zu hören, ein leises Husten. Ansonsten ist es still. Draussen fällt Schnee.

Fiktive Geschichte

Zwei, drei oder mehr Kapitel weiter wird Zwinglis Porträt in die Kirche überstellt, hinterleuchtet und eingeweiht. Dass der Reformator dabei schwebend dem Rahmen entsteigt, ist Fiktion – die Existenz des Bildes aber Realität. In «Glastraum» sind die Grenzen zwischen – vermeintlicher? – Wirklichkeit und Phantasie fliessend. Dies provoziert geradezu die ständige Suche des Lesers nach bekannten Örtlichkeiten, vertrauten Charakteren. Davon jedoch rät Specht explizit ab: des Lesegenusses wegen. Zumindest die Figuren seien frei erfunden, sagt er – seine Frau, sein Bruder und dessen Frau ausgenommen.

Hannes Specht geht zum letzten Buchzeichen, das er sich gesetzt hat, beschreibt die finanziellen Probleme der Kirchgemeinde, den geplanten Verkauf des Gotteshauses als Firmensitz eines Unternehmens. Und davon, wie die Bürger von diesem revolutionären Projekt überzeugt werden sollen.

Specht weckt Neugierde. Auf eine Geschichte, mit der er nichts bewegen, nichts verändern will, wie er betont. «Mein Ziel ist erreicht, wenn ich damit ein My zur Erkenntnis beitrage, dass es besser ist, zusammen durch die Welt zu gehen.»

Hannes Specht las aus seinem Buch Glastraum und lieferte auch einige (witzige) Erläuterungen dazu. (Bilder: Andrea Häusler)

Hannes Specht las aus seinem Buch Glastraum und lieferte auch einige (witzige) Erläuterungen dazu. (Bilder: Andrea Häusler)