Ein zweites Leben zu Weihnachten: Der Oberuzwiler Gene Rimensberger war dem Tod näher als dem Leben

Jetzt erwartet Gene Rimensberger das Weihnachtsfest: nachdenklich und dankbar.

Andrea Häusler
Drucken
Teilen
Gene Rimensberger stand an der Schwelle zum Jenseits. Dieses prägende Erlebnis hinter sich zu lassen fällt ihm nach wie vor schwer. In Gesprächen – auch mit seiner Frau Elfi (rechts) – versucht er, die Nahtoderfahrung irgendwie zu verarbeiten.

Gene Rimensberger stand an der Schwelle zum Jenseits. Dieses prägende Erlebnis hinter sich zu lassen fällt ihm nach wie vor schwer. In Gesprächen – auch mit seiner Frau Elfi (rechts) – versucht er, die Nahtoderfahrung irgendwie zu verarbeiten.

Bild: Andrea Häusler

Die Szenerie wiederholt sich jährlich: Kurz vor dem Fest befindet sich die christliche Welt im Weihnachtsstress. Menschen hasten durch stimmungsvoll beleuchtete Strassen, durchkämmen die Geschäfte nach ersten oder letzten Geschenken. Eugen «Gene» Rimensberger lässt das vorweihnachtliche To­hu­wa­bo­hu unberührt. Entspannt lehnt er sich auf seiner beigefarbenen Couch zurück, lässt den Blick über Oberuzwil zum verschneiten Alpstein gleiten. Dankbar für die atemberaubende Aussicht, das warme Flackern der Adventskerzen, die Zweisamkeit mit seiner Frau Elfi.

Weihnachten hier, in seinem Zuhause, erwarten zu können, das Fest überhaupt erleben zu dürfen, bezeichnet der 84-Jährige als Wunder. «Mir wurde ein zweites Leben geschenkt», sagt er und lässt an seinem ganz persönlichen Weihnachtsmärchen teilhaben.

«Ich will die Bilder loswerden»

Es ist der 5. August – ein warmer, unbeständiger Sommertag. Nichts deutete darauf hin, dass dieser routinebehaftete Montag sein Leben grundlegend verändern könnte: aufstehen, frühstücken, Mails checken. «Es traf mich aus heiterem Himmel – ein beklemmendes, beengendes Gefühl. So, als hätte jemand einen Zementsack auf meine Brust gelegt», erinnert sich Gene Rimensberger. Das Herz? Der Hausarzt zweifelte und reagierte unverzüglich. Innert kürzester Zeit parkten zwei Ambulanzfahrzeuge und ein Notarztwagen auf dem Hausplatz. «Diskret, damit die Nachbarschaft möglichst nichts mitbekam», sagt Elfi Rimensberger. Sie rückte keine Sekunde von der Seite ihres Mannes. Ihre Anwesenheit jedoch habe er nicht registriert, sagt dieser.

Für einen Augenblick hält er inne, blickt aus dem Fenster.

«Ich fühlte mich ausserhalb meiner selbst, sah in farbigen Bildern meine Familie vor mir, nahm aus der Distanz wahr, wie sich die Ärzte an mir zu schaffen machten, mit einer Schere mein blaues
T-Shirt zerschnitten. Angst hatte ich keine, aber ein eigenartiges, nicht zu beschreibendes Gefühl – dann kollabierte ich.»

Gene Rimensberger wirkt nachdenklich. Dann sagt er: «Ich werde die Bilder nicht mehr los.» Immer wieder laufe der Film der imaginären Szenerien vor seinem inneren Auge ab – in jeder freien Minute. Und solche «Leerzeiten» gebe es zurzeit viele. Auch das Einschlafen falle ihm schwer. Rimensberger will die Visionen einfach nur abschütteln. Noch gelingt es nicht.

Ein Leben am seidenen Faden

Dabei ist er ja unendlich dankbar, dass ihm dank glücklicher Fügungen und dem Können der Ärzte ein zweites Leben geschenkt worden ist. Zumal die Diagnose tatsächlich lebensbedrohlich war: ein Riss der Baucharterie. Ein Befund, bei dem es um Minuten, um Sekunden geht. Die Statistik lässt erschaudern: Rund 25 Prozent der Patienten mit einem Aortariss sind tot, bevor eine Klinik erreicht wird, die Hälfte stirbt, bevor die Behandlung eingesetzt hat. «Ich werde mich nie wieder über die Krankenkassenprämien beklagen», sagt der pensionierte Müllereitechniker, der zeit seines Berufslebens für die Bühler AG gearbeitet hatte. Und er ist überzeugt, dass er in dieser Situation nirgendwo sonst auf der Welt überlebt hätte.

Das Wissen, dass sein Leben am seidenen Faden hing, habe ihn verändert, sagt Gene Rimensberger. «Die Endlichkeit des eigenen Lebens wird einem bewusst, aber auch dessen Wert. Er sei bedachter geworden, obwohl er sich körperlich den Umständen entsprechend gut fühle. Natürlich fehle ihm die Kraft von einst, räumt er ein. «Speziell die Bewegung an der Luft oder das Holzspalten im Wald.»

Mit einem Lottogewinn nach Alaska

Gene Rimensberger hat seit jeher intensiv gelebt, in seiner Freizeit und im Auftrag seines Arbeitgebers grosse Teile der Welt gesehen, mit seiner Familie jahrelang im Ausland gelebt. Während vier Jahren allein in Nigeria. Überall im Haus erinnern afrikanische Requisiten an diese Zeit. Holzfiguren, Masken, Instrumente stehen unter den zahlreichen Bildern aus dem Nachlass seiner Brüder Leo und Georg. Und dann die USA. «49 amerikanische Staaten habe ich gesehen – Hawaii vor vier Jahren», erzählt er. Und die Nummer 50? Gene Rimensberger lacht: «Alaska kommt in Frage, wenn ich einen Sechser im Lotto tippe. Damit könnte ich erster Klasse fliegen – mit allem Drum und Dran.»

Abflug verpasst, Flieger abgestürzt

Ob es den Sechser braucht? Den Rimensbergers ist zuzutrauen, dass sie sich diesen Reisewunsch unabhängig von Fortuna noch erfüllen – so das Schicksal es will. Bisher hatte es dieses stets gut mit ihnen gemeint.

Denn eigentlich wurde Gene Rimensberger dieses Jahr nicht ein zweites, sondern ein drittes Leben geschenkt. Vor Jahren sei er auf ein Flugzeug gebucht gewesen und hätte den Abflug verpasst, sagt Elfi Rimensberger: «Es stürzte ab.» Seither ahnte und heute weiss Gene Rimensberger:

«Jeder hat eine ihm bestimmte Lebenszeit – meine ist noch nicht abgelaufen.»

Aktuelle Nachrichten