Ein gelbes Velo am Altstadthimmel

WIL. Im Juni findet die Ausstellung «Irritationen» der Psychiatrischen Klinik Wil in der Altstadt statt. Um auf das Sommerkunstprojekt aufmerksam zu machen, hängen bereits einige Installationen an ungewöhnlichen Orten und mit überraschender Perspektive.

Philipp Haag
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Ein Mini in der Vertikalen.

Ein Mini in der Vertikalen.

WIL. Es fällt auf, es macht neugierig. Es fasziniert und es irritiert, das knallgelbe Velo am Laternenpfahl beim Aufgang zur Wiler Altstadt. Weshalb hängt es dort? Wer hat es montiert? Was will mir der gen Himmel strebende Drahtesel sagen? Handelt es sich gar um einen Nachtbubenscherz? Des Rätsels Lösung: Das gelbe Fahrrad ist eine Installation des Sommerkunstprojektes «Irritationen» der Psychiatrischen Klinik Wil. An verschiedenen Ecken der Altstadtgassen, an ungewöhnlichen Orten, in überraschender Form und unerwarteter Perspektive, sind einige Exponate ausgestellt: Ein Mini geht die Wand hoch, ein Tisch stellt die Welt auf den Kopf, eine Bank stellt sich quer zur Kirche.

Die Irritation im Alltag

Mit der Ausstellung, die ab Anfang Juni für einen Monat im historischen Zentrum Wils gastiert, nimmt sich die Irritation ihren Platz im Arbeits- und Einkaufsalltag von Wil. Um der Irritation bereits einen Nährboden zu geben, sie schleichend ihrem Höhepunkt mit der Vernissage am 5. Juni zustreben zu lassen, montierten Rose Ehemann, Leiterin des Ateliers Living Museum sowie des Ateliers der Tagesstätte der Heimstätten Wil, und Berndt Vogel, Leiter des Naturateliers und Naturparks, mit ihrem Team gestern einige Installationen in den verwinkelten Gassen. Es ist ein erster Schritt an die Öffentlichkeit, ein Schritt auf eine Plattform inmitten der Gesellschaft, den Rose Ehemann und Vogel bewusst gewählt haben. Sie möchten mit dem Kunstprojekt einen Beitrag zur Entstigmatisierung von psychisch Kranken leisten. «Wir möchten sichtbar machen, welch kreatives Potenzial Patientinnen und Patienten einer psychiatrischen Klinik besitzen», sagt Rose Ehemann. Die etlichen Exponate, die im Juni in der Altstadt präsentiert werden, weisen eine breite Palette an Materialien auf sowie einen Duktus, der skandalös, provozierend und verstörend sein kann, aber auch zahm, versöhnlich und aufzeigend, welche heilende Wirkung ein kreativer Prozess haben kann.

Der Bevölkerung soll ein Spiegel vorgehalten werden, einen, der sie durch die unkonventionellen Objekte zum Nachdenken anregen soll, einen, der ihnen die eigene psychische Verletzlichkeit in Erinnerung rufen soll und einen, der sie darauf hinweist, dass Normalität nicht normiert, sondern facettenreich ist.

Ein mutiger Schritt

Für die 150 sich am Kunstprojekt beteiligenden Patientinnen und Patienten der Psychiatrischen Klinik Wil sowie Besuchende der Heimstätten-Tagesstätte ist der Schritt in den öffentlichen Raum mutig. Sie geben ihr Innenleben preis, tragen eine persönliche Botschaft nach draussen. Ihr künstlerisches Wirken erlangt Aufmerksamkeit an einem Ort, der gemäss Rose Ehemann dank der guten Zusammenarbeit mit der Stadt Wil und der Altstadtvereinigung zur Verfügung steht, und der, oft etwas menschenleer, durch die Kleinkunstwerke eine willkommene Belebung erfährt.

Rose Ehemann und Berndt Vogel beim Velo in luftiger Höhe. (Bilder: Philipp Haag)

Rose Ehemann und Berndt Vogel beim Velo in luftiger Höhe. (Bilder: Philipp Haag)

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