Ein Franken pro verkauftes Desinfektionsmittel: Solidaritätskampagne aus Degersheim findet schweizweit Nachahmer

Ein Spendenfranken je Flasche Desinfektionsmittel: Die Idee des Degersheimer Drogisten Thomas Schneider löste eine schweizweite Kampagne zugunsten der Glückskette und anderer Institutionen aus.

Andrea Häusler
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Die Kampagne «Desinfizieren hilft doppelt» ist Thomas Schneider eine Herzensangelegenheit. «Die Krise trifft unsere Branche nicht existenziell. Das verpflichtet zu Solidarität», sagt er

Die Kampagne «Desinfizieren hilft doppelt» ist Thomas Schneider eine Herzensangelegenheit. «Die Krise trifft unsere Branche nicht existenziell. Das verpflichtet zu Solidarität», sagt er

Bilder: Andrea Häusler

«Desinfizieren hilft doppelt»: Von B wie Bulle bis T wie Thusis spenden Drogerien schweizweit pro verkauftes Desinfektionsmittel einen Franken für bedürftige Menschen. Initiant der Kampagne, die innert weniger Wochen branchenintern einen solidarischen Flächenbrand ausgelöst hat, ist der Degersheimer Drogist Thomas Schneider. Seit September 2015 betreibt er unter dem Namen «Medicus» die traditionsreiche Drogerie an der Hauptstrasse 55. Dies übrigens mit derselben Leidenschaft für Naturheilmittel, mit der seine Vorgänger Elisabeth und Bruno Granwehr während 40 Jahren geschäftet hatten.

«Die Grundidee der Solidaritätsaktion war, jenen Menschen ein wenig Hilfe zukommen zu lassen, die am stärksten unter den Folgen der Coronakrise zu leiden haben», sagt Thomas Schneider. Zwischen dem Gedanken und konkreten Taten lagen nicht Tage, sondern Stunden: «Ich habe mich kurz mit meinem Grafiker unterhalten und dieser gestaltete über Nacht ein Logo, das auf verschiedenen Werbeträgern für die Aktion sensibilisieren sollte. Bereits am darauf folgenden Morgen starteten wir die Aktion.»

Von einer zu über 100 Drogerien

Das war Ende März. Seither werden in der Degersheimer Medicus-Drogerie flaschenweise Solidaritätsfranken beiseitegelegt. Der Dominoeffekt, den seine spontane Hilfskampagne auslöste, hat Schneider selber überrascht. Zunächst seien es befreundete Drogisten gewesen, die auf die Aktion aufmerksam geworden und auf den Solidaritätszug aufgesprungen seien. «Es dauerte kaum zwei Stunden und schon waren rund zehn Geschäfte im Boot», sagt der 30-jährige Unternehmer.

Grosse Nachfrage und steigende Rohstoffpreise

Mittlerweile wird die Aktion auch vom Schweizerischen Drogistenverband unterstützt. Das Resultat: Bereits über 100 Drogerien aus der ganzen Schweiz haben ihre Teilnahme zugesichert und sammeln über den Verkauf von Desinfektionsmitteln für die Glückskette, das Schweizerische Rote Kreuz, lokale oder regionale Einrichtungen sowie Heime oder andere soziale Institutionen.

Es ist kein Zufall, dass der Solidaritätsfranken an den Verkauf von Desinfektionsmitteln gekoppelt ist. Die Pandemie habe die Nachfrage in diesem Bereich explosionsartig in die Höhe schnellen lassen. «Darauf waren wir Gott sei Dank vorbereitet», sagt Thomas Schneider und ergänzt:

«Wir haben bereits Ende Februar mit der eigenen Herstellung von Mitteln zur Desinfektion begonnen.»

Wobei es zunehmend schwierig geworden sei, Rohstoffe und Fläschchen zu beschaffen. Alkohol, sagt er, sei heute grösstenteils Importware. Um die fehlenden Bestände auszugleichen, habe man in den vergangenen Wochen Spirituosen-Brennereien angefragt und den Alkohol für die Desinfektionsmittelherstellung aufbereitet.

Das Virus ist omnipräsent. Auch in der Auslage der Medicus-Drogerie.

Das Virus ist omnipräsent. Auch in der Auslage der Medicus-Drogerie.

Die Medicus-Drogerie verkauft die Flaschen und Fläschchen seither ab 50 ml bis zu mehreren Litern an private und gewerbliche Kunden. Gerade in der Baubranche sei die Nachfrage aufgrund der Vorschriften des Bundes gross. «Denn wer den Mitarbeitern auf den Baustellen kein warmes Wasser und Seife zum Händewaschen zur Verfügung stellen kann, muss Desinfektionsmittel anbieten», weiss Schneider.

Nicht kalkulierte Umsätze

Desinfektionsmittel sind gefragt wie nie. Trotzdem oder gerade deswegen will Schneider die Verkaufspreise ungeachtet der gestiegenen Rohstoffpreise auf dem bisherigem Niveau halten. «Wir verkaufen im Vergleich zu früher ein Hundertfaches», sagt er und ergänzt: «Das sind Einnahmen, die wir so nicht kalkuliert hatten.» Entsprechend bestehe übers Ganze gesehen doch ein gewisser finanzieller Spielraum zugunsten jener, deren Existenz durch die Krise gefährdet ist. Insbesondere Menschen, die zuvor schon unter kritischen Umständen gelebt haben, seien nun in Notlagen geraten. Und es sei absehbar, dass sich deren Situation aufgrund der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie noch verschlimmern wird – in der Schweiz genauso wie im Ausland.

Erste Tranche zu Gunsten der Glückskette

Thomas Schneider wünscht sich, dass sich der Aktion noch weitere Drogerien anschliessen. Die Coronakrise habe der Branche einiges abverlangt: hohe Präsenzzeiten, Sonderefforts für die Herstellung von Desinfektionsmitteln, Beratungen von verunsicherten Kundinnen und Kunden. «Letztlich gehen jedoch insbesondere Landdrogerien privilegiert aus diesem für viele existenzbedrohenden Ereignis hinaus», betont er, überzeugt, dass gelebte Solidarität einer Branche mit sozialer Verantwortung gut ansteht.

Heute findet der nationale Solidaritätstag der Glückskette statt. Für Thomas Schneider Grund und Anlass, die bisher gesammelten Spendenfranken zu überweisen. Im Sinne einer ersten Tranche, wie er vielversprechend meint.

Nationaler Solidaritätstag der Glückskette

Gemeinsam mit der SRG hat die Glückskette am 23. März 2020 eine Sammelaktion für die Menschen gestartet, die in besonderem Masse unter den Folgen der Coronapandemie leiden. Bis heute sind gut 17 Millionen Franken auf das Spendenkonto eingegangen. Geld, das an Einzelpersonen und Familien in der Schweiz ausbezahlt wurde oder demnächst wird. Mit dem nationalen Solidaritätstag vom heutigen Donnerstag, 16. April, will die Glückskette – unterstützt von der SRG sowie privater Medien – aufzeigen, dass die Schweiz in der Krise zusammensteht. Gleichzeitig wird mit dem Event die Sammelaktion «Coronavirus» der Glückskette offiziell abgeschlossen. Gespendet werden kann übrigens weiterhin. Und zwar online auf glueckskette.ch oder über das Postcheck-Konto 10-15000-6. (ahi)