Ein Flawiler zieht in den Krieg: Erinnerungen an den Sonderbundskrieg

Im Sonderbundskrieg von 1847 kämpfte auch ein jugendlicher Hauptmann aus Oberglatt: Johann Jakob Wiget.

Johannes Rutz
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Das Gefecht bei Gisikon am 23. November 1847 in einer zeitgenössischen Darstellung. Unter den Angreifern: die 1. Jägerkompanie aus Flawil.

Das Gefecht bei Gisikon am 23. November 1847 in einer zeitgenössischen Darstellung. Unter den Angreifern: die 1. Jägerkompanie aus Flawil.

Bild: PD

Ausserordentliche Lagen wie das Coronavirus, aber auch Hungersnöte, Kriege oder politische Umwälzungen bleiben viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte in der menschlichen Erinnerung haften. Gemeinwesen haben ihre eigene Erinnerungskultur. So wird noch heute in Flawil in den Geschichtsbüchern und im Ortsmuseum an den Sonderbundskrieg von 1847, also vor über 170 Jahren, erinnert.

Hauptmann Johann Jakob Wieget lebte von 1814 bis 1849.

Hauptmann Johann Jakob Wieget lebte von 1814 bis 1849.

Bild: PD

Grund dafür ist, dass sich dieses für die Schweiz entscheidende historische Ereignis in Flawil sehr gut an der Person des jugendlichen Hauptmanns Johann Jakob Wiget beschreiben lässt. In Oberglatt aufgewachsen, arbeitete er sich vom einfachen Weber zum erfolgreichen Stickereifabrikanten hoch. In wenigen Jahren erwirtschaftete er sich ein bedeutendes Vermögen. Er zog mit der 1. Jägerkompanie des 52. Bataillons in den Sonderbundskrieg. Seine Erlebnisse sind in seinen persönlichen Erinnerungen, veröffentlicht in den «Toggenburger Annalen» 1988, gut dokumentiert.

Letzte militärische Auseinandersetzung auf Schweizer Boden

Der Sonderbundskrieg war ein Bürgerkrieg in der Schweiz. Die konservativen Kantone Luzern, Schwyz, Uri, Zug, Ob- und Nidwalden, Freiburg und Wallis hatten sich zum Sonderbund zusammengeschlossen, um den katholischen Glauben gegen die liberalen, mehrheitlich reformierten Kantone zu verteidigen. Diese wollten einen zentralen Bundesstaat schaffen, was die konservativen Kantone strikt ablehnten.

Wenig Tote und Verletzte

Die Armee der Sonderbundskantone bestand aus 30'000 Mann, war schlecht ausgerüstet und wenig diszipliniert. Die eidgenössische Armee dagegen hatte 100'000 Mann und stand unter der Führung von General Guillaume-Henri Dufour. Er achtete strikt darauf, dass die humanitären Grundsätze bei den Kampfhandlungen eingehalten wurden. Entsprechend niedrig waren die Opferzahlen: 104 Tote und 376 Verletzte. (jr)

Der Sonderbundskrieg, der die konservativen Kantone in die Knie zwingen wollte, dauerte vom 3. bis zum 29. November 1847 und war die letzte militärische Auseinandersetzung auf Schweizer Boden. Die liberalen Kräfte siegten auf der ganzen Linie, mit dem Ergebnis, dass 1848 der schweizerische Bundesstaat entstehen konnte.

Drei unruhige Wochen im Knonauer Amt

Am 29. Oktober 1847 marschierte der bei seinen Untergebenen beliebte 33-jährige Hauptmann Wiget mit 133 Mann, darunter 44 Flawilern, nach Zürich. Dort sahen die Soldaten zum ersten Mal einen Zug, nämlich die «Spanisch-Brötli-Bahn» auf der neu eröffneten ersten schweizerischen Eisenbahnstrecke von Zürich nach Baden.

Anschliessend wurde die Kompanie Wiget ins Knonauer Amt für den Wachdienst verlegt. Es waren drei unruhige Wochen, weil es – wie Wiget schreibt – in den Nächten immer wieder Generalmarsch (Alarm) gab. «Stets war es nur blinder Lärm, veranlasst durch unnötiges Schiessen der Schildwache.»

Flawiler greifen eidgenössische Truppen an

Am 23. November griffen die eidgenössischen Truppen die Stellungen des gut verschanzten Gegners in Gisikon an. Bei den Angreifern war auch die 1. Jägerkompanie aus Flawil dabei.

«Das feindliche Feuer, von unsern Jägern kräftig erwidert, dauerte immer fort, aber die gutgezielten Schüsse unserer Artillerie taten ihre Wirkung.»

Wiget weiter: «Meine Kompanie hatte hinter Haus und Scheune und einem Zaune von Steinen ziemlich gute Deckung. Das Feuer wurde indes immer heftiger und ununterbrochen flogen die hochgehenden Schüsse über unsere Köpfe hinweg.» Seine Kompanie schien keine Verluste erlitten zu haben. Ein Soldat erhielt einen Schuss in den Tornister und ein Geschoss blieb in einem Waffenrock stecken. Es folgten weitere Scharmützel bis in die Nacht hinein.

Am Tag darauf kapitulierte Luzern. Der Krieg war zu Ende. Die Soldaten mussten jedoch zur Absicherung des Waffenstillstandes in der Innerschweiz bleiben. Einige gruben dabei Kanonenkugeln aus, um sie als Souvenir nach Hause zu nehmen.

Rückkehrbefehl am Weihnachtstag

Erst am 25.Dezember erhielt die Kompanie Wiget den Befehl zum Rückmarsch. Zu Fuss ging es über den Etzel nach Rapperswil und über den Ricken nach Bütschwil. Die Soldaten wurden am 27. Dezember in Flawil begeistert empfangen. Die Lesegesellschaft Flawil überreichte dem Kommandanten eine Fahne mit der Inschrift: «Den eidgenössischen Kämpfern vom 23. November 1847. 1. Jägerkompanie Wiget.»

Die Fahne der 1. Jägerkompanie Wiget, aufbewahrt im Ortsmuseum Flawil.

Die Fahne der 1. Jägerkompanie Wiget, aufbewahrt im Ortsmuseum Flawil.

Bild: PD

Eine weitere ihm geschenkte Fahne trug die Inschrift «Dem Helden des Sonderbundskrieges». Hauptmann Wiget konnte den Ruhm über die siegreiche Teilnahme am Sonderbundskrieg nicht lange geniessen. Am 30. Januar 1849 verstarb er mit 35 Jahren an Lungenschwindsucht.

Die Erinnerungen sind verblasst

Viele Jahrzehnte wurde in der Schweiz die Erinnerung an den Sonderbundskrieg hochgehalten. 1887, zum 40. Jahrestag, gestaltete Flawil eine grosse Gedenkfeier mit viel Militär und Veteranen. Es war zugleich der erste öffentliche Anlass in der neu erstellten Tonhalle beim «Rössli». Heute steht die Tonhalle nicht mehr, sie wurde 2010 abgebrochen, und die Katastrophen des Ersten und Zweiten Weltkrieges haben die Erinnerung an den Sonderbundskrieg verblassen lassen.