Kolumne

Ein (fast) gewöhnliches Leben in London

Der Aufenthalt in London im Coronazeitalter lehrt die ehemalige Praktikantin Livia Schmidt vor allem eines: Das treibende Leben in der Grossstadt muss man so viel und lange wie möglich auskosten – natürlich mit Abstand und Desinfektionsmittel – und es gilt, stets die Flexibilität zu bewahren, denn man weiss nie, was einen als Nächstes erwartet.

Livia Schmidt
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In der Carnaby Street herrschte kurz vor dem Lockdown noch reges Leben.

In der Carnaby Street herrschte kurz vor dem Lockdown noch reges Leben.

Bild: Livia Schmidt (London, 2. November)

Wie auch in der Schweiz steigen die Fallzahlen in Grossbritannien stetig an. Kaum ist meine zweiwöchige Quarantäne beendet, werden neue Regeln und Massnahmen der Stufe «Tier 2 – Alarmstufe hoch» aufgesetzt. Die längst verlorene Normalität rückt in noch weitere Ferne.

U-Bahn-Stationen und Busse waren mal mehr, mal weniger mit Menschenansammlungen gefüllt, wobei ich an meiner Urteilsfähigkeit zweifle, denn was weiss ein Mädchen aus dem Dorf schon über die Ströme einer Grossstadt? An manchen Abenden waren Strassen und Gassen wie leergefegt, der Wind war die einzig lebende Seele weit und breit. Doch gleich um die Ecke herrschte wieder buntes Leben und die Menschen wirkten so aufeinander gedrängt, als wäre es nie anders gewesen.

Livia Schmidt, ehemalige Praktikantin, befindet sich derzeit für einen Sprachaufenthalt in London.

Livia Schmidt, ehemalige Praktikantin, befindet sich derzeit für einen Sprachaufenthalt in London.

Bild: PD

Es war absehbar, dass es nicht so weitergehen konnte. In der letzten Woche hing die Spekulation eines zweiten Lockdowns wie ein Damoklesschwert über der Freude der eben gewonnenen und trotzdem begrenzten Freiheit. Seit diesem Donnerstag ist es die Realität.

Verständigungsprobleme wegen Masken

Da war es doch fast eine Leichtigkeit, die vorgegebenen Massnahmen zu verfolgen. Schon komisch, wie schnell man sich an den Ablauf gewöhnt. Schuhe und Jacke anziehen, Tasche packen, Maske aufsetzen. Sie ist das neue Must-have-Accessoire, und die Momente, in denen ich keine Maske trage, fühlen sich manchmal gar unnatürlich an. Eine lang vergessene Erinnerung, als wir die Welt noch mit unseren Mundgerüchen aufmischen konnten. In diesen Tagen sind wir die Einzigen in der Menschenmenge, die unser heutiges Mittagessen riechen.

Immerhin sehen sie uns nicht keuchen, wenn wir in den Wintermänteln im 30 Grad warmen Untergrund die Treppen hinaufstürzen. Natürlich immer schön im One-Way-System, aber nicht einmal die Engländer realisieren, dass auch hier Linksverkehr herrscht. Verständigungsprobleme sind vorprogrammiert: Wir verstecken unsere Worte ganz leise hinter der Maske, weil wir nicht gleichzeitig zivilisiert sein und durch den gesamten Raum schreien können. Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als einfach die Augen zu verdrehen und darauf zu hoffen, dass es richtig interpretiert wird.

Die Abstandsregeln sind überall gut sichtbar.

Die Abstandsregeln sind überall gut sichtbar.

Bild: Livia Schmidt

So wie die allgemeine Maskenkommunikation noch ihre ersten Schritte versucht, war ich nach meinem zweiwöchigen Quarantäneaufenthalt noch ein wenig wackelig auf den Beinen. In den ersten Tagen fühlte ich mich so verloren wie eine Touristin in der Grossstadt. Ohne Orientierung und schlechtem Handynetz machte ich mich auf den Schulweg, aber trotz Umwegen entdeckte ich nicht viel mehr als die unendlichen Verzweigungen auf Google Maps, die mich fast zur Verzweiflung trieben.

Es grenzt an ein Wunder, dass ich es rechtzeitig in die Schule geschafft habe und mir einen der begehrten Aufkleber schnappen konnte, die wir nach dem täglichen Fiebermessen erhalten. Diese stressigen Zeiten waren glücklicherweise schnell vorbei. Ich bin zwar immer noch mehr Touristin als Londonerin, gehe zu oft verloren und scheitere im Versuch, die typischen Touristenfotos so unauffällig wie möglich zu machen. Und trotzdem renne ich bereits wie eine Einheimische über rot.

Farbenfrohe Herbststimmung

London – eine Stadt, wo alle Nationalitäten aufeinandertreffen. Aber weil es das Schicksal es so wollte, waren zwei der drei Mitbewohnerinnen im Apartment aus Deutschland. Wann immer ich mit meiner dritten Mitbewohnerin aus Schweden auf Englisch kommunizierte und eine der zwei Deutschen um die Ecke kam, war es an der Zeit, das berüchtigte Denglisch auszupacken.

Was man hingegen keinesfalls auspacken sollte, ist der Regenschirm. Ob das Stereotyp stimmt, dass es in London ständig regnet? Absolut. Doch hat niemand den Wind als Zusatzpaket zum Regen miteinberechnet.

Die Tower Bridge wirkt wie ausgestorben.

Die Tower Bridge wirkt wie ausgestorben.

Bild: Livia Schmidt (London, 26. Oktober)

So trostlos ist die Stadt dann doch nicht. Eine farbenfrohe Herbststimmung herrscht in den unzähligen Parks, die ich in den nächsten Wochen wohl öfters besuchen werde. Eine vorgezogene Weihnachtsstimmung in der Oxford Street: Besonders in diesem Jahr ist es nicht zu früh dafür. Und ein so reges Leben an einem Freitagabend im Stadtteil Soho, dass man für einen Moment alle schlechten Nachrichten vergisst.