Ein fabelhafter Lügner

Die 16-jährige Lily meldet sich in der Schule freiwillig für ein Referat über das Konzentrationslager Buchenwald.

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Die 16-jährige Lily meldet sich in der Schule freiwillig für ein Referat über das Konzentrationslager Buchenwald. Sie fühlt sich dafür geradezu auserwählt, denn schliesslich wurde ihr Grossvater Joschi Molnár vor Jahrzehnten dorthin deportiert, und somit hat sie einen familiären Bezug zu diesem historischen Ort.

Reise in die Vergangenheit

Zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Tante und ihrem Onkel beschliesst sie, Buchenwald zu besuchen, denn es steht ein besonderer Anlass vor der Tür, nämlich der hundertste Geburtstag des längst verstorbenen Joschi.

Es wird aber kein üblicher Gedenktag im Kreise gleichgesinnter Verwandter werden, im Gegenteil, die Fahrt nach Buchenwald wird zu einer Reise in eine Vergangenheit, die schillernd und variantenreich wieder auflebt, während in der Gegenwart Joschis Nachkommen sich erst richtig kennenlernen. Denn Joschis Leben war gar nicht etwa geradlinig und einfach, so hatte er fünf Kinder von fünf verschiedenen Frauen, zwei Kinder und seine zweite Frau verloren ihr Leben in Auschwitz,

einen Sohn überliess er ohne Zögern dem aus dem Krieg heimgekehrten Ehemann seiner Geliebten, und allen seinen Kindern erzählte er immer wieder neue Geschichten über sein Leben und seine jüdische Vergangenheit – er war eben ein fabelhafter Lügner.

Tragik und komische Situationen

So treffen sich bei Buchenwald die drei Halbgeschwister Gabor, Hannah und Marika.

Sie haben zwar den gleichen Erzeuger, tragen aber von ihrem Vater ein ganz unterschiedliches Bild in sich. Gabor verzeiht Joschi seine Abwesenheit als fürsorglicher Vater nicht und zweifelt sogar an dessen jüdischer Herkunft, Hannah befasst sich leidenschaftlich mit ihren jüdischen Wurzeln und hofft auf einen direkt importierten Geliebten aus Israel, und Marika ist stolz auf Joschis Erzähltalent und gibt die Geschichten etwas ausgeschmückt weiter an die nächste Generation,

während ihre Tochter Lily als neugierige Beobachterin daneben steht und dem Leser alles auf ihre eigene, witzige Art serviert. Der Ausflug nach Buchenwald zu Ehren ihres verstorbenen Vaters führt die Geschwister näher zusammen.

In Susann Pásztors erstem Roman liegen tragische Elemente und komische Situationen nah beieinander, und so schafft es die Autorin bei dieser Familiengeschichte mit ihrer humorvollen und pointierten Erzählweise, dass der Leser bei einem so ernsten Rahmenthema wie dem Holocaust doch zuweilen schmunzeln kann.