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Ein Entscheid – 20 Jahre Arbeit: Wie einem alten Zirkuswagen neues Leben eingehaucht wird

Vor zwei Jahrzehnten kaufte Buchhalter Urs Brun einen ziemlich baufälligen Wohnwagen. Von Holzarbeiten hatte er keine Ahnung, trotzdem machte er sich an die Restauration des 120 Jahre alten Oldtimers.
Daniela Huijser
Urs Brun in seinem Glanzstück. Der Zirkuswagen prägte zuerst 120 Jahre Zirkusgeschichte, danach 20 Jahre des Lebens von Zirkusfan Urs Brun - und es werden noch mehr. (Bilder: Hanspeter Schiess)Urs Brun in seinem Glanzstück. Der Zirkuswagen prägte zuerst 120 Jahre Zirkusgeschichte, danach 20 Jahre des Lebens von Zirkusfan Urs Brun - und es werden noch mehr. (Bilder: Hanspeter Schiess)
Zerbrochene Fensterscheiben, morsches Holz, kaputte Bremsen: Seither sind 20 Jahre vergangen, die man sieht.Zerbrochene Fensterscheiben, morsches Holz, kaputte Bremsen: Seither sind 20 Jahre vergangen, die man sieht.
Ein Blick in den Schlafbereich des stilvoll hergerichteten Zirkuswagens.Ein Blick in den Schlafbereich des stilvoll hergerichteten Zirkuswagens.
3 Bilder

Ein Entscheid – 20 Jahre Arbeit

Zwei schmale Türen aus verwittertem, braungelbem Holz, darin zwei Fenster mit unterschiedlichen Scheiben, eingefasst von rostroten Leisten – viel mehr ist von diesem Objekt mitten im Einfamilienhausquartier in Niederuzwil nicht auszumachen. Blaue und grüne Blachen verbergen das meiste dieses langen, schmalen Gefährts, das da an der Hauswand der Familie Brun parkiert ist.

Einst ein Schaustellerwagen

Urs Brun lüftet das Geheimnis: Es sei ein Zirkuswagen. Ein 120 Jahre alter Zirkuswagen, den er im Jahr 2000 gekauft habe. «Also genau gesagt ein Schaustellerwohnwagen aus Yverdon», präzisiert er. Seit knapp 20 Jahren steht dieser Oldtimer, von der Familie liebevoll Konrad genannt, neben dem Einfamilienhaus – und beide, Wagen wie auch Besitzer, haben in diesen 20 Jahren gemeinsam einiges mit- und durchgemacht.

Fasziniert von Technik

Angefangen hat alles ganz klein. Schon als Knirps interessierte sich Urs Brun für den Zirkus, war begeistert von den vielen Wagen, die jeweils in die Stadt einfuhren, wenn der «Knie» nach Wil kam. Vor allem das Technische interessierte den Bub – in unterschiedlicher Form. Während der Sommerferien verbrachte er jeweils ein paar Wochen bei Onkel und Tante auf dem Bauernhof und war fasziniert von den Traktoren. Später, als er allein unterwegs sein durfte, schaute er den Zirkusleuten beim Abbrechen des riesigen Zeltes zu und beobachtete alle Details.

Dem Zirkus Knie nachgereist

Mit Details und ganz klein gings weiter: Urs Brun, mittlerweile Rechtsagent und Buchhalter, entdeckte sein Flair für Modellbauten. Hatte sogar ein eigenes «Zirkuszimmer». «Ich reiste dem Zirkus Knie nach und fotografierte alle Wagen in genauen Proportionen», erzählt er beim Kaffee im einladenden Naturgarten. «Dafür nahm ich jeweils extra frei. Und gelegentlich besuchte ich mit meiner Frau und unseren beiden Töchtern eine Vorstellung.» Nach wie vor interessierte ihn vor allem das Technische. «Ich kannte jeden Wagen auswendig. Früher liess der Knie diese Wagen ja noch selber bauen, doch heute sind es hochtechnische Modelle, die sogar autobahntauglich sein müssen.»

Platz für grossen Oldtimer

Autobahntauglich ist sein eigener Zirkuswagen nicht. Er darf nicht einmal mehr auf die Strasse, denn die Bremsen funktionieren nicht. Trotzdem war es Liebe auf den ersten Blick, als er diesen Wagen im Jahr 2000 in Uster besichtigte. Ein anderer Zirkusfan hatte ihm den Tipp gegeben. «Allerdings war der Wagen viel zu gross. Ich sah keine Möglichkeit, ihn neben unser Haus zu stellen. Also lehnte ich ab.» Doch der Wagen liess ihn nicht mehr los. Würde man neben dem Haus ein Bord abtragen, könnte man einen Standplatz herrichten... Gedacht, getan. Also, so schnell gings dann doch nicht: Es mussten noch die Gas- und Wasserleitungen umverlegt werden.

Der grosse Tag

Schliesslich war der grosse Tag dann doch gekommen. Der Vorbesitzer lieferte den 7,5 Meter langen und 2,2 Meter breiten Wagen nach Niederuzwil. Und Urs Brun realisierte rasch: «Der Wagen war viel schlechter ‘zwäg’, als ich gedacht hatte!» Er legt einige Fotos auf den Tisch und zeigt, wo morsches Holz zum Vorschein kam und wie undicht das Dach war. Und das waren nur zwei der zahlreichen Probleme, die zum Vorschein kamen. Urs Brun, der sich mit Gesetzestexten und Zahlenreihen bestens auskennt, hatte von Holzarbeiten keine Ahnung. Zu Hilfe kam ihm der Werkstattchef des Zirkus Monti. In monatelanger Arbeit ersetzte dieser die morschen Teile und reparierte die gröbsten Schäden im Winterquartier des Zirkus. Eins habe zum anderen geführt, erinnert sich Brun. «Letztlich war die Rechnung zehnmal höher als der Kostenvoranschlag.»

Sich ans Holz gewagt

Nun wollte der Zirkusfan aber selber Hand an seinen Wagen legen. Zur Vorbereitung besuchte er einen Leiterwagen-Kurs in der Freizeitwerkstatt in Uzwil. «Dadurch verlor ich die Angst vor der Arbeit mit Holz, von der ich ja zuvor keinen Schimmer hatte.» Das war also vor knapp 20 Jahren. Mittlerweile holt sich Urs Brun Tipps im Internet, denn fertig ist der Wagen noch lange nicht. «Ich lasse mir Zeit», meint er mit erstaunlicher Gelassenheit. Einige Erfolge konnte er bereits verbuchen. Das zeigt sich, als Brun die Türen des Wagens aufschliesst und ins Innere führt. Die hinteren zwei Drittel sind fertig gestrichen und eingerichtet. Ganz hinten ist der Schlafraum mit einem Kajütenbett. «Das habe ich zwar fertig gekauft, musste es aber kleiner machen, damit es in den Raum passt. Zum Glück gibt es in Campingläden Matratzen in allen Grössen», erzählt er schmunzelnd.

Vielleicht nächstes Jahr fertig

Der mittlere Bereich ist als Wohn-/Esszimmer eingerichtet mit zwei Sesseln, einem langen Esstisch und einem mehrarmigen Kerzenhalter. Zwei Einbauschränke mit Spiegeln lassen den Raum grösser wirken. Vorne beim Eingang war früher die Küche. Diese hat Urs Brun entfernt und wird auch keine Neue einbauen. Hier steht noch ein Werktisch – bereit für den Endspurt des Innenausbaus. Das Elektrische muss auch noch gemacht werden, allerdings von einem Profi. Es bleibt noch etwas Zeit, bis das Innere fertig sein muss. «Meine Frau hat nächstes Jahr einen runden Geburtstag und meinte, es wäre schön, wenn der Wagen dann fertig eingerichtet sei...», sagt Urs Brun, lässt allerdings offen, ob er das schaffen wird.

Konrad gehört zur Familie

Danach geht’s noch ans Äussere des Wagens, der längst zu einem Familienmitglied geworden ist. Bruns Töchter, die mit dem Projekt aufgewachsen sind, nennen ihn liebevoll Konrad und würden ihn nie mehr hergeben. Und Urs Brun auch nicht, obwohl er den Konrad wohl nie ganz dichtmachen und auch keine Ausfahrten unternehmen kann. «Aber ich würde es noch einmal so machen, denn ich habe in den vergangenen Jahren handwerklich extrem viel gelernt.» So wird Konrad als Gästezimmer und Stauraum dicht am Haus der Familie Brun seinen Ehrenplatz behalten. Er ist übrigens nicht der einzige Oldtimer auf dem Grundstück. In der Garage steht noch ein 45 Jahre alter Traktor der Marke Zetor, den Urs Brun vor vielen Jahren geschenkt bekommen hatte. Und der, im Gegensatz zu Konrad, sogar fährt, wie der stolze Besitzer lächelnd sagt: «Mit diesem Traktor bin ich bei gutem Wetter doch ab und zu unterwegs; er ist mein ‹Cabriolet›.»

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