Ein endgültiger Abschied

Der Alttoggenburger blickt auf eine 129jährige Geschichte zurück. Heute erscheint er zum letzten Mal. Milo Kalberer war von 1995 bis 2013 Herausgeber der Zeitung. Im Interview spricht er über die Entwicklungen in der Medienlandschaft.

Beat Lanzendorfer
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Blättern in Erinnerungen: Milo Kalberer beim Studium eines alten Jahrbandes. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Blättern in Erinnerungen: Milo Kalberer beim Studium eines alten Jahrbandes. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Herr Kalberer, der Alttoggenburger erscheint am 31. Dezember 2015 zum letzten Mal. Was weckt dies für Gefühle in Ihnen?

Milo Kalberer: Keine grossen. Emotional habe ich mit dem Alttoggenburger vor ein paar Jahren, beim Entscheid zum Verkauf, abgeschlossen. Zudem war ein solcher Schritt zu erwarten, nachdem ja der Alttoggenburger zum Toggenburger Tagblatt kam – statt wie geplant zur Wiler Zeitung – und mit der Zeit zu einer, sagen wir mal, Kopie des Toggenburger Tagblatts verkümmerte. Aber wie gesagt, das berührt mich nicht sonderlich.

Sie haben die Zeitung 18 Jahre geleitet. Welches Erlebnis gehört zu den schönsten?

Kalberer: Ich kann kein spezielles Erlebnis herauspicken, das ich als schöner empfand als andere. Was mir sehr viel Freude bereitete, ist, dass ich bei meinem Einstieg in den Alttoggenburger und während meiner ganzen Zeit fast immer auf ein zuverlässiges, engagiertes und sehr selbständiges Redaktionsteam zählen durfte.

Welches war das schlimmste Ereignis?

Kalberer: Auch speziell schlimme Ereignisse gab es nicht. Klar gehören Abo- und Inseraterückgänge und zum Beispiel der Verlust als amtliches Publikationsorgan zu enttäuschenden Ereignissen. Was mich aber viel mehr enttäuschte oder was ich schlimmer fand – und das wurde mit der Zeit auch immer auffälliger –, ist, dass es sehr viele Leute gab, die das Gefühl hatten, eine Zeitung kommt ja sowieso heraus, und alles immer umsonst wollten. Es hätten Vorschauen, PR-Texte und Besuche diverser Anlässe sein sollen, aber ein «Inserätchen» als Gegenleistung war dann immer zu viel. Und hat man dann die Wünsche nicht gratis erfüllt, war man noch der «schlechte Chaib».

Ihre Familie prägte die Mediengeschichte des Alttoggenburgs. Worauf sind Sie stolz?

Kalberer: Stolz sein müssten meine Vorfahren. Es sind auch ihre Verdienste, dass es den Alttoggenburger gab. Ich konnte mich als vierte Generation sozusagen ins warme Nest setzen. Wenn ich auf etwas ein bisschen stolz bin, dann darauf, dass ich als kleine Lokalzeitung – von Redaktion über Druckvorstufe bis Druck, absolut selbständig und ohne jedwelche Subventionen – in der immer schwieriger werdenden Medienlandschaft doch noch so lange überlebt habe. Es gibt zwar immer noch etliche, viel kleinere Blätter in der Schweiz, aber viel mehr mussten schon viel früher aufgeben.

Eine Zeitung war früher ein Parteibekenntnis. Heute ist das nicht mehr so. Eine gute Entwicklung?

Kalberer: Ich finde schon. Ich habe den Alttoggenburger während meiner Zeit nie als Parteiblatt angeschaut. Ich wollte mit dem Alttoggenburger auch eine Plattform für sämtliche Meinungen bieten. Aus dem geschichtlichen Umstand, dass eben früher die unzähligen, kleinen Zeitungen eher Sprachrohr einer Partei oder auch Konfession waren, wurde der Alttoggenburger halt nicht von allen Parteien gleich stark genutzt. Ich denke, heute hätte eine Lokalzeitung sowieso keine Überlebenschance mehr, wenn sie nur einer Partei treu wäre. Die Bevölkerung ist heute parteilich viel stärker durchmischt als früher, und da ist man als Lokalzeitung froh um jeden Abonnenten. Also muss man auch ein breites Spektrum anbieten, wenn man selbst auch eine andere Meinung hat.

Als Verleger beobachteten Sie die Medienlandschaft. Sinkende Inseratezahlen, Gratiszeitungen – wie sehen Sie diese Entwicklung aus der Distanz?

Kalberer: Das wird wohl eine Zeiterscheinung sein. Die jüngere Generation lebt im elektronischen Zeitalter. Eine Papierzeitung, die dann erst noch kostet, scheint für sie kein Bedürfnis zu sein. Zudem ist man ja mit seinem Smartphone ständig online. Die News werden je länger, je mehr so ausgetauscht oder geholt. Das zieht natürlich auch die Werbekunden nach. Was soll ich in einer Zeitung inserieren, wenn ich mit den elektronischen Medien meine Zielgruppe schneller und umfassender erreiche. Ich finde die Entwicklung schade. Aber heute scheint es aus wirtschaftlichen Gründen auch fast unmöglich zu sein, eine gute Zeitung herauszugeben. Eine Lokalzeitung sowieso, weil die ist ja dazu verdammt, klein zu bleiben, sonst ist sie keine Lokalzeitung mehr.

Warum haben Sie den Alttoggenburger vor zwei Jahren verkauft?

Kalberer: Diese Frage ist mir etwas zu persönlich. Ich kann aber sagen, dass wirtschaftliche Faktoren beim Verkaufsentscheid mit ein Grund waren.

Haben sich die Verkaufsziele damals erfüllt?

Kalberer: Die Verkaufsziele bezüglich des Verkaufs des Alttoggenburgers? Wenn Sie das meinen, haben sich die Ziele nicht erfüllt. Ich habe ja den Alttoggenburger im Jahr 2013 per 1. Januar 2014 an die Wiler Zeitung verkauft. Die Wiler Zeitung hat dann, bevor sie den Alttoggenburger selber übernommen hat, ihr eigenes Blatt zusammen mit dem Alttoggenburger an die Tagblatt Medien AG verkauft. Was vertraglich auch in Ordnung war. Die Übernahme fand einfach erst 2014 statt und dann halt direkt durch die Tagblatt Medien AG. Diese hat den Alttoggenburger dann in Wattwil beim Toggenburger Tagblatt angesiedelt. Meine Idee war, dass der Alttoggenburger von der Wiler Zeitung weitergeführt oder dann in sie integriert wird und nicht ins Toggenburger Tagblatt.

Was wünschen Sie sich in Zukunft von der Tageszeitung Toggenburger Tagblatt?

Kalberer: Dass sie den ehemaligen Bezirk Alttoggenburg wieder etwas stärker bearbeitet, damit die ehemaligen Alttoggenburger-Abonnenten einen guten Ersatz haben.

Wie sehen Sie persönlich die Zeitungslandschaft in der Zukunft? Sagen wir im Jahre 2030?

Kalberer: Elektronisch am Handgelenk, mit einer Verbindung zum Ohr und einer netten Computerstimme, die einem, wenn immer man möchte, die News vorliest.

Franz Kalberer legte 1886 den Grundstein für die Ära Alttoggenburger, in der sich die Firma immer wieder an technische und gesellschaftliche Veränderungen anpasste. (Bilder: pd)

Franz Kalberer legte 1886 den Grundstein für die Ära Alttoggenburger, in der sich die Firma immer wieder an technische und gesellschaftliche Veränderungen anpasste. (Bilder: pd)

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