Ein Degersheimer Industriedenkmal mit Zukunft

Das Kleinkraftwasserwerk unterhalb der Thalmühle verbindet seit 1892 zwischen Natur und Technik.

Johannes Rutz
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Wegen ausserordentlicher Regenfälle stürzen gewaltige Wassermassen über die Mauer und in den Kanal. (Bilder: Johannes Rutz)

Wegen ausserordentlicher Regenfälle stürzen gewaltige Wassermassen über die Mauer und in den Kanal. (Bilder: Johannes Rutz)

Das Kleinkraftwasserwerk in der Wissbachschlucht bei Degersheim ist ein eigentliches Industriedenkmal aus den Anfängen der Elektrifizierung und prägend für den oberen Lauf des Wissbaches. Das um 1892 erbaute Kleinkraftwasserwerk war der Initiative der Familie Klingler aus Gossau zu verdanken. Sie leitete den Strom über 3,5 Kilometer zu ihrer Haslenmühle bei Gossau.

Noch heute existiert die Freileitung und überquert verschiedene Tobel, Hügel, Bäche, Wiesen und unterquert die SBB-Bahnlinie. Abnehmerin des Stroms ist aber keine Mühle mehr. Er wird bei der Haslenmühle ins Netz der Gemeinde Gossau eingespiesen.

«Der Unterhalt kann insbesondere im Winter, wenn sich an den Drähten Eisregen und nasser Schnee bildet, anspruchsvoll werden», sagt der gegenwärtige Besitzer des Kleinkraftwasserwerkes, der Elektroingenieur Hans Bieri aus Kradolf-Schönenberg. Er hat grosse Erfahrung mit Wasserkraftwerken, beschäftigt er sich doch schon seit den 1980er-Jahren mit deren Erneuerung und Automatisierung. Auch war er Vorstandsmitglied der Schweizerischen Vereinigung der Kleinkraftwasserwerke.

70 Prozent Produktionssteigerung

Seine Firma Bieri Energie GmbH kaufte das Kleinkraft-Wasserwerk 2005. Es befand sich damals in einem schlechten Zustand, sodass die neuen Eigentümer grosse Anstrengungen zur Erneuerung unternahmen. Allein für Stützmauern, Verankerungen und Verstrebungen wurden zwei Tonnen Zement verbaut.

Es gelang der Firma, mit dem alten Generator und der alten Turbine, einer Francis-Turbine System Rieter aus den 1960er-Jahren, die Produktion um 70 Prozent zu steigern. Turbine und Generator befinden sich im länglichen Gebäude in der weit ausladenden Aushöhlung am Aufgang zur Treppe.

Die Turbine des Kraftwerkes, die den Generator antreibt.

Die Turbine des Kraftwerkes, die den Generator antreibt.

Die markante Druckleitung, die neben der steilen, gedeckten Treppe des Wanderweges durch die enge Schlucht führt, hat eine Länge von 150 Metern und eine beachtliche Fallhöhe von 27,2 Metern. Bei der Begehung ist der Wissenbach wegen ununterbrochener Regenfälle ein reissender Fluss. Bei der oberen Staumauer wird eine Wassermenge von 4,6 Kubikmeter pro Sekunde gemessen – ein Spitzenwert. Der Weiher mit einer Fläche von 9200 Quadratmetern ist langsam am Verlanden, wird jedoch immer noch als Ausgleichsbecken benützt.

Regelmässiger Regen im Herbst ist am besten

Wie Turbinenwart Reinhard Tobler erklärt, ist das Jahr 2019 wassermässig durchschnittlich verlaufen im Vergleich zum Vorjahr, das sehr trocken war. Auch die Defizite des heissen Sommers von 2003 sind inzwischen kompensiert. Am besten für das Wasserkraftwerk sind regelmässige und massvolle Regen im Herbst. Im Frühjahr absorbiert die Natur viel Wasser.

Im Winterhalbjahr, bei Vegetationsstillstand und aufgrund der Tatsache, dass das Wasser von Höhen zwischen 700 und 1000 Metern herkommt und zum Teil als Schnee zurückbehalten wird, können rund 60 Prozent des Stroms produziert werden. Dann also, wenn er am nötigsten gebraucht wird. Das Kleinkraftwasserwerk ist für 60 Tage Volllast dimensioniert und ausgelegt. Dank der kostendeckenden Einspeisevergütung kann das Kraftwerk wirtschaftlich betrieben werden. Es produziert jährlich 350000 bis 420000 kWh, was dem Verbrauch von 70 bis 90 Haushalten entspricht.

Wegen auslaufender Konzession stellt sich in Folge verschärfter Umweltvorschriften die Frage des Rückbaus. Das wäre jedoch eine erstaunliche Entwicklung angesichts der Tatsache, dass das Kleinkraftwasserwerk heute von der Bevölkerung als fester Bestandteil der Schlucht empfunden wird. Auch mit Blick auf die Energiewende, die auf jeden Beitrag an erneuerbaren Energie angewiesen ist, wäre eine Renaturierung kaum verständlich.