Ein Chor mit einer Botschaft

Beim ersten Saisonkonzert des Uzwiler Konzertzyklus war der St. Galler Kammerchor zu Gast. Auf dem Programm stand Literatur der Romantik.

Carola Nadler
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Der St. Galler Kammerchor unter Dirigent Niklaus Meyer eröffnete die neue Saison des Konzertzyklus Uzwil. (Bild: can.)

Der St. Galler Kammerchor unter Dirigent Niklaus Meyer eröffnete die neue Saison des Konzertzyklus Uzwil. (Bild: can.)

NIEDERUZWIL. Der St. Galler Kammerchor unter seiner langjährigen Leitung durch Niklaus Meyer pflegt immer wieder den A-cappella-Gesang. Und dies mit grosser Sensibilität und Sicherheit, wie das Konzert vom Sonntagabend in der evangelischen Kirche Niederuzwil zeigte: In den geistlichen Gesängen von Peter Iljitsch Tschaikowsky und Peter Cornelius «sass» die Intonation so sicher, dass sich der Chor sinnlich der schweren, russischen Romantik hingeben und dem sehr feinen Gespür des Dirigenten für die Gestaltung der Melodiebögen folgen konnte. Nicht etwa mutig, sondern souverän meisterten die einzelnen Stimmgruppen ihre Einsätze, keinerlei Angst vor exponierten Stellen war spürbar. Darüber hinaus schien sich der Chor in der Akustik der Kirche sehr wohl zu fühlen und sang die Dynamik genussvoll aus.

Facettenreiche Orgel

Organist Emanuele Janibelli war vollkommen der Faszination der Niederuzwiler Orgel erlegen. Für die kühne und exzessive Choralfantasie von Max Reger «Wachet auf, ruft uns die Stimme» hatte er zahlreiche Stunden investiert, um dieses Instrument kennenzulernen und die idealen Registrierungen zu erarbeiten. Was er dann zusammen mit seinem Registrant dem Uzwiler Konzertpublikum vorführte, war einfach überwältigend. Nach dem am Beginn des Konzertes noch sehr verhalten gespielten Orgelwerk von Felix Mendelssohn-Bartholdy schien das Instrument bei Regers extrem schwierigem Werk schier zu explodieren: Zwischen dumpf-düsteren Tiefen und wütend-aggressiven Ausbrüchen, in welchen sich der Komponist regelrecht austoben musste, zeigte Janibelli den grossen Facettenreichtum der Niederuzwiler Orgel.

Das Hauptwerk des Konzertes stellte Felix Mendelssohn-Bartholdys Kantate «Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser» dar, eine Vertonung des 42. Psalms, welche der Komponist auf seiner Hochzeitsreise anfertigte, was aufgrund der teils verzweifelten Schreie des Psalmschreibers zu Gott immer wieder Anlass zu zahlreichen Anekdoten ist.

Zuversicht

Doch die vollkommen in sich ruhende, von Glaubensmut geprägte Komposition strahlt eine unwiderstehliche Zuversicht aus, die vom Kammerchor mit einer sehr persönlichen, emotionalen Interpretation wiedergegeben wurde.

Zu Beginn gelang dem Alt eine wunderbar sensible Tongestaltung in dem sehr zarten «Wie der Hirsch schreit», der sich im Tutti über anfangs etwas gar sehr gepflegte, reformiert-strenge Zurückhaltung zu einem sehr authentischen Aufschrei der Verzweiflung und Gottesferne entwickelte. Sopranistin Barbara Fuchs repräsentierte mit ihrer fülligen Stimme die verzweifelte Seele, die sich im Dialog mit dem Chor wunderbar leiten liess und wieder zu Trost und Zuversicht fand.

Der St. Galler Kammerchor präsentierte mit dieser Cantante einen sehr dynamischen, frischen Mendelssohn und hob ihn damit aus der romantischen Abgeklärtheit heraus, bewies Mut zur Emotionalität und erhielt am Ende des Konzerts einen mehr als herzlichen Applaus.