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Ein Bücherchaos mit System: Auf dem Habis-Areal in Flawil lagern Zehntausende gebrauchte Bücher

Dort befindet sich das Lager des Online-Shops Buchplanet.ch. Es ist ein unerschöpflicher Fundus an Geschichten, Wissen und Obskuritäten.
Tobias Söldi
Ihr Reich hat 66000 Objekte: Sara Grob, Bücherliebhaberin und Leiterin des Online-Shops Buchplanet.ch. (Bilder: Tobias Söldi)

Ihr Reich hat 66000 Objekte: Sara Grob, Bücherliebhaberin und Leiterin des Online-Shops Buchplanet.ch. (Bilder: Tobias Söldi)

Die Bewohner dieses Planeten können zwar nicht sprechen, aber zu erzählen haben sie viel. Es sind gebrauchte Bücher, von Comics über Kochbücher bis zu Biografien und antiquarischen Schätzen. Die Geschichte zwischen den Buchdeckeln ist nicht die einzige, die sie erzählen. Sara Grob ist fasziniert:

«Secondhand-Bücher kommen herum. Manche haben noch Markierungen vom vorherigen Besitzer drin.»

Grob ist Leiterin von Buchplanet.ch, einem Online-Shop für gebrauchte Bücher, welcher der Tosam-Stiftung angehört (siehe Kasten). Die physische Dependance des virtuellen Buchplaneten befindet sich auf dem Habis-Areal in Flawil. In zwei riesigen Hallen reiht sich Regal an Regal; jedes Tablar bietet Platz für 30 Bücher. 66000 Stück hat der Online-Shop im Angebot. Es ist ein unerschöpflicher Fundus an Geschichten, Wissen und Obskuritäten. Und Hunderte weitere Bücher warten darauf, ins Sortiment aufgenommen zu werden.

30 Jahre Stiftung Tosam

Der «Buchplanet» gehört zur Stiftung Tosam mit Sitz in Herisau. Die am 1. Januar 1989 ins Leben gerufene Stiftung versteht sich als sozialtherapeutische Einrichtung, welche Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten anbietet. Zur Stiftung gehören unter anderem die Brockenhäuser in Flawil und Degersheim. Gründer Martin Grob, Vater von «Buchplanet»-Leiterin Sara Grob, war während 30 Jahren Geschäftsleiter und geht dieses Jahr in Pension. Sein Nachfolger ist der ehemalige Ratsschreiber von Uzwil, Marcel De Tomasi. (pd)

Der erste Eindruck täuscht: Das Chaos hat System

Jede freie Fläche in den beiden Hallen ist vollgestellt mit Bananenschachteln und Paletten. Sie quellen über von Büchern, die sortiert werden wollen. Pro Woche kommen bis zu sechs neue Paletten dazu. «Ich komme fast nicht mehr nach», sagt Grob. «Aber ich kann einfach nicht ‹Nein› sagen.» Der grösste Teil der Bücher stammt aus den Tosam-Brockenhäusern und -Büchermärkten, andere von Privatpersonen, aus Nachlässen oder aufgelösten Archiven.

Was chaotisch anmutet, hat aber System. «Wir lagern dynamisch», erklärt Sara Grob. Neue Bücher, die es ins Sortiment schaffen, landen auf einem Tablar, wo gerade ein Platz frei geworden ist. Der Lagerort wird auf dem Computer hinterlegt. «Wie bei Amazon.» Manchmal, gesteht die 31-Jährige, verirrt sich ein Buch ins falsche Regal.

«Dann haben wir auch schon stundenlang gesucht. Wir wussten ja: Es muss da sein.»

Doch Grob ist nicht alleine. Im Buchplaneten arbeiten 22 Angestellte mit Pensen zwischen 20 und 100 Prozent. Es sind IV-Rentner, Sozialhilfe-Bezüger oder Teilnehmer von RAV-Einsatzprogrammen – der Buchplanet sieht sich auch als soziale Einrichtung.

70 Prozent müssen entsorgt werden

Das Team erfasst die eingehenden Bücher, bereitet sie für die Website auf, legt sie in den Regalen ab und verpackt sie für die Post. Letztes Jahr haben 12000 Bücher in 2800 Bestellungen das Habis-Areal verlassen. «Wir sind kontinuierlich gewachsen», sagt Grob, die den Shop seit der Gründung 2010 führt. Damals listete Buchplanet.ch 5000 Bücher auf.

Dennoch: Nicht jedes Buch schafft es ins Sortiment. Manche sind zu alt und in zu schlechtem Zustand, andere mehrfach vorhanden. Man merkt Grob das Bedauern an, wenn sie sagt, dass rund 70 Prozent der Bücher, die eingehen, entsorgt werden müssen.

«Das tut jedes Mal weh. Und eigentlich sollte ich noch strenger sein.»

Doch verschwendet wird nichts. «Wir retten, was geht.» Kunstvolle Einbände werden zu Buchzeichen verarbeitet, Fundstücke gerettet – manchmal finden sich alte Billette in den Büchern –, Illustrationen ausgeschnitten und zum Verkauf angeboten.

In dieser Flut an Bücher verstecken sich manchmal besondere Funde. Grob zeigt ein dickes Buch aus dem Jahr 1738, das bei einer Räumung des WinWin-Marktes in Herisau entdeckt worden ist: der «Entwurff einiger Thiere» von Johann Elias Ridinger, einem deutschen Kupferstecher, Radierer und Verleger. «Das ist eine der vollständigsten Ausgaben.» Kostenpunkt: 10000 Franken.

Unterschiedlichste Bücher treffen in den Regalen aufeinander. (Bilder: Tobias Söldi)Unterschiedlichste Bücher treffen in den Regalen aufeinander. (Bilder: Tobias Söldi)
Nach Genre sortiert warten die Bücher darauf, aufbereitet zu werden.Nach Genre sortiert warten die Bücher darauf, aufbereitet zu werden.
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Buchplanet

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Grobs Leidenschaft für Second-Hand-Artikel und soziale Institutionen kommt nicht von ungefähr. Ihr Vater, Martin Grob, war Gründer der Tosam-Stiftung. Durch ihn ist die Tochter früh in Kontakt mit Brockis und deren Büchervorrat gekommen. «Ich habe alles verschlungen. So konnte ich abschalten und in eine andere Welt abtauchen», erinnert sie sich an die Zeit, als sie als Erstklässlerin zu lesen begann.

Es ist eine Leidenschaft, die bis heute angehalten hat. Grobs Vorlieben: alte Reisereportagen, ausufernde Romane, Kunstbücher, das Werk des Amerikaners John Irving. Bücher, für die sie bei sich zu Hause in Herisau ein ganzes Zimmer freigeräumt hat. «Zurzeit bin ich gerade daran, mir eine Rubrik über Aussenseiter einzurichten», erzählt sie.

E-Books, Smartphones und Youtube zum Trotz – Grob glaubt an das physische Buch.

«Wenn ich sehe, wie mein achtjähriger Neffe Bücher verschlingt, dann mache ich mir keine Sorgen um die Zukunft von Büchern.»

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