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«Ein bisschen Anerkennung würde ich mir schon wünschen»: Der Knochenjob in der Kita

Während des Frauenstreiks war eine Kritik oft zu hören: Die Kitas seien zu teuer. Diese Kritik trifft eine Branche, in der fast nur Frauen arbeiten – mit zu tiefen Löhnen und ohne Wertschätzung für ihre Arbeit. Das erzählt eine Kita-Angestellte aus Wil.
Lara Wüest

Die Hitze flimmert auf dem Asphalt, die Sonne brennt auf die Dächer der Einfamilienhäuser im Neugrubenquartier im Nordosten von Wil. Bereits kurz nach neun ist es so heiss, dass kaum eine Menschenseele auf den Strassen anzutreffen ist. Vereinzelt drehen Roboterrasenmäher ihre Runden über das grünbräunliche Gras in den Vorgärten. Nur in einem Garten vor einem Betonhaus mit braungrauer Fassade sitzen junge Frauen mit einer Schar Kindern im Schatten. Das Haus gehört der Stiftung Kindertagesstätten Wil. Darin befindet sich eine von zwei Kitas, welche die Stiftung in der Stadt betreibt. Pro Tag werden hier durchschnittlich 38 Kinder betreut – sämtliche von Frauen.

Gut zwei Wochen ist es her, seit Tausende von Frauen auf den Strassen in der Schweiz die Gleichstellung von Frauen und Männern forderten. Im Zusammenhang mit dem Streik wurde immer wieder eine Kritik laut: Die Kinderbetreuung sei viel zu teuer. Ein Vorwurf, der die Leute, die in dieser Branche arbeiten, trifft. Denn es ist eine Branche, in der die Löhne tief sind und die Arbeit streng ist. Und es ist ein Beruf, den mehrheitlich Frauen ausüben.

Im unteren Stock der Kita im Neugrubenquartier sitzt Tamara Tschudin an einem Minitisch. Die Hitze ist ihr nicht anzumerken, im Raum ist es kühl. Ihr gegenüber spielen zwei kleine Mädchen, kochen rohe Pasta ohne Wasser und Herd. Tschudin muss aufpassen, dass sich die Kleinen die Nudeln nicht in den Mund stopfen, denn zum Essen sind sie nicht gedacht. Die 27-Jährige ist Fachfrau Betreuung und leitet eine von zwei Gruppen in der Kita. Über den Vorwurf, dass Kitas zu teuer seien, schüttelt sie den Kopf.

«Die Gebühren mögen hoch sein, aber wir werden von unserer Arbeit alles andere als reich.»

Auf 100 Prozent verdient sie 4500 Franken. Kein hoher Lohn. Und das ist noch deutlich mehr, als manche ihrer Kolleginnen und Kollegen in anderen Kitas verdienen.

Löhne oft sehr unterschiedlich

Die Löhne in der Branche sind sehr unterschiedlich, einen Gesamtarbeitsvertrag existiert nicht. Zwar gibt es Lohnempfehlungen vom Verband Kinderbetreuung Schweiz, doch diese sind nicht verbindlich. «Die Löhne fallen deshalb oft sehr tief aus», sagt Maria Huber. Sie ist Regionalsekretärin der VPOD Ostschweiz, der Gewerkschaft für Angestellte im Service Public.

Trotz tiefer Löhne haben viele Kitas hohe Personalkosten. Denn Kitas brauchen viel Personal. Huber sagt: «Man kann nicht 20 Kinder mit einer Person betreuen.» Und das führt zu den hohen Betreuungstarifen.

Wie viele Betreuungsfachpersonen pro Kind jeweils nötig sind, schreibt der Kanton vor. Je jünger die Kinder sind, desto mehr Fachpersonen braucht es. Im Kanton St. Gallen etwa darf eine Person höchstens drei Kinder bis 18 Monate betreuen.

Und doch ist die Anzahl Betreuende pro Kind so knapp berechnet, dass viele Kitas in Bedrängnis kommen, wenn jemand ausfällt. Um Abhilfe zu schaffen und Kosten zu sparen, stellen viele von ihnen Praktikantinnen und Praktikanten – meist sind es junge Frauen – als günstige Arbeitskräfte und ohne Aussicht auf eine Ausbildung ein. «Das ist uns ein Dorn im Auge», sagt Huber. Für sie ist klar:

«Für die Kinderbetreuung braucht es mehr Finanzen.»

Und dafür will die VPOD Politik und Wirtschaft in die Pflicht nehmen. «Wir fordern deutlich mehr Subventionen», sagt Huber.

«Frauenarbeit wieder einmal zu wenig anerkannt»

Für die Kita im Wiler Neugrubenquartier wäre mehr Geld von der Wirtschaft oder der öffentlichen Hand ein Segen. In einem Büro neben dem Spielzimmer, in dem Tamara Tschudin die Kinder betreut, sitzt Edith Goetz hinter ihrem Computer. Sie leitet die beiden Kitas der Stiftung Kindertagesstätten Wil. Die Kritik während des Frauenstreiks, dass Kitas zu teuer seien, hat sie nachdenklich gestimmt. «Ich fühlte einmal mehr, dass Betreuungsarbeit nicht ernst genommen wird», sagt sie. «Wieder einmal wird Frauenarbeit zu wenig anerkannt.» Goetz versteht zwar, dass der Tagestarif von 100 Franken für manche Familien schwer bezahlbar ist. Doch dieser Tarif deckt gerade einmal die Kosten der Kitas. Auch sie ist gezwungen, ihren Angestellten Löhne zu zahlen, die ihrer Ansicht nach zu tief sind. «Wir liegen zwar leicht über den Empfehlungen des Verbandes. Aber die Angestellten sind gut ausgebildet, sie würden eine bessere Bezahlung verdienen.» Am meisten stört Goetz, dass der Lohn einer Fachperson Betreuung mit dem Alter nicht steigt.

«Ich zahle einer 55-jährigen Person gleich viel wie einer jungen. Aber mehr können wir uns nicht leisten.»

Um überleben zu können, sind die beiden Kitas der Stiftung auf ehrenamtliche Helfer angewiesen. Allerdings nicht bei den Fachpersonen Betreuung, sondern bei den Stiftungsräten. Sie sind das Bindeglied zwischen dem Betrieb und den Eltern, nehmen zum Beispiel an Elternabenden teil. Und sie arbeiten unentgeltlich. «Ohne das wäre es für uns fast nicht möglich», sagt Goetz.

Ein streng getakteter Arbeitsalltag

Tamara Tschudin arbeitet seit gut vier Jahren in der Kita, die Goetz leitet. Eigentlich gefällt es ihr gut. «Bei welcher anderen Arbeit hört man so oft ein Kinderlachen?», fragt sie und schmunzelt. Trotzdem kann sich Tschudin nicht vorstellen, diesen Beruf bis zu ihrer Pensionierung zu machen, nebenbei studiert sie Eventmanagement. «Die Arbeit ist belastend», sagt sie. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen haben Rückenprobleme, weil sie so oft Kinder herumtragen. Und der Arbeitsalltag ist streng getaktet. Tschudin ist jeweils für sechs bis zwölf Kinder verantwortlich. Sie führt Gespräche mit Eltern, erledigt Büroarbeiten. Und muss dabei stets gefasst sein auf das Unerwartete, etwa, dass ein Kind schwer stürzt oder sich verschluckt.

Die Anerkennung, die sie für diese Arbeit erhält, ist gering. Vor allem in der Gesellschaft und vor allem von Männern. «Die sagen oft: ‹Euch Frauen liegt Kinderbetreuung ja im Blut›», sagt Tschudin. Und das ärgert sie. Drei Jahre hat sie sich in Deutschland, von wo sie ursprünglich stammt, zur Kindererzieherin ausbilden lassen. Auch pädagogisch wurde sie geschult.

«Ein bisschen mehr Anerkennung würde ich mir dafür schon wünschen.»

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