E-Bikes: Schnell unterwegs und schnell gefährlich

Auf den Strassen sind sie immer häufiger anzutreffen: E-Bike-Fahrer. Das hat auch zur Folge, dass die Zahl der Schwerverletzten auf dem E-Bike ansteigt. Der Polizei bereitet diese Entwicklung Sorgen.

Nicola Ryser
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E-Bikes sind beliebt. Dies macht die Situation auf den Strassen jedoch komplizierter. (Bild Martial Trettini)

E-Bikes sind beliebt. Dies macht die Situation auf den Strassen jedoch komplizierter. (Bild Martial Trettini)

Ein Alltagsbild: Ein Autofahrer ist im Feierabendverkehr unterwegs, lauscht den Rockklängen aus dem Radio und beobachtet mit der tief stehenden Sonne im Gesicht den eher langsamen Verkehrsfluss auf den verstopften Strassen. Plötzlich taucht vor der Frontpartie eine Silhouette auf, die doch sehr jener eines Velofahrers ähnelt. Der Autofahrer drosselt das Tempo. Da das Geduld-Barometer schon länger auf null steht, drückt er leicht aufs Gas, um mit einem deutlichen Geschwindigkeitsüberschuss den Zweirädrigen zu überholen. Schnell realisiert er jedoch, dass das Velo eben kein gewöhnliches Velo, sondern ein E-Bike ist und über 30 Stundenkilometer auf den Tacho bringt. Was soll er nun machen: Noch mehr beschleunigen, im dichten Verkehr knapp überholen? Oder doch lieber hinter dem elektrischen Zweirad hinterhertrödeln?

E-Bike-Fahrer und Unfälle auf der Strasse nehmen zu

Es sind delikate Momente im Strassenverkehr. Momente, die sich häufen. Denn das E-Bike, also das Velo mit elektrischer Unterstützung, flankiert des Öfteren die Strassen und ersetzt immer mehr das gewöhnliche Velo. Verständlich. Denn mit dem E-Bike ist man schneller, kommt weiter und das zugleich mit weniger Anstrengung. Gemäss Velosuisse werden dieses Jahr schweizweit über 100000 E-Bikes verkauft. Der Hype ist bereits so gross, dass selbst die Stadt Wil entschieden hat, Cargo-Bikes, die ebenfalls elektrisch angetrieben werden, zu lancieren (Ausgabe vom 11.9.2018). Die Krux am ganzen E-Bike-Boom: Je mehr Leute darauf unterwegs sind, desto mehr Unfälle geschehen. Dies offenbart ein Blick in die Statistik des Bundesamts der Strassen (Astra). Während bei allen Verkehrsmitteln die Prozentzahl der Schwerverletzten im Vergleich zum Vorjahr gesunken ist, ist sie bei den E-Bikes um 30 Prozent angestiegen. Waren es 2016 noch 201 schwerverletzte E-Bike-Fahrende, hob sich die Zahl 2017 auf 224. Das sind fast doppelt so viel Schwerverunfallte wie 2013. Guido Bielmann von der Astra sieht in der Statistik eine Logik: «Da durch den Boom mehr E-Bike-Fahrer auf den Strassen verkehren, geraten davon auch mehr in einen Unfall. Die Analogie ist offensichtlich. Per se kann man jedoch nicht definieren, dass die E-Bike-Fahrer tatsächlich sukzessive mehr der Gefahr auf der Strasse ausgesetzt sind.» Nichtsdestotrotz: Das Astra will eine Lichtpflicht für das elektrische Velo prüfen, «wir beobachten zurzeit aber noch und können keine konkreten Aussagen dazu machen», sagt Bielmann.

Hohes Tempo, starke Bremsen und ein bisschen zu viel Alkohol

Nicht nur das Bundesamt für Strassen beschäftigt sich mit dem E-Bike-Hype, auch die Polizei sieht sich regelmässig damit konfrontiert – und ist beunruhigt. «Die E-Bike-Unfälle mit Schwerverletzten und Todesopfern bereiten uns grossen Kummer», sagt Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen. «Es ist so, als wäre eine neue Verkehrskategorie entstanden, die überdies sehr populär ist.» Den Leuten sei es in letzter Zeit immer wichtiger geworden, sich zu bewegen, «und beim E-Bike können auch die eher bewegungsscheuen Menschen einsteigen». Nur hat dieser Hype mehrere Probleme auf den Strassen zur Folge. «Primär ist die Geschwindigkeit durch die E-Bikes um einiges höher als bei einem normalen Zweirad.» Während bei den langsameren E-Bikes Tempi bis 25 Kilometer erreicht würden, kämen die schnelleren E-Bikes, sogenannte Motorfahrräder, bis auf 45 Km/h. «Das hohe Tempo wirkt sich auf die Bremswirkung aus», erklärt Krüsi und meint dabei den Bremsweg wie auch die Reaktion des Velos. «Wir hatten schon einige Unfälle, bei denen die Bremsen bei hoher Geschwindigkeit sehr stark reagierten und dabei die Fahrer unkontrolliert zu Fall brachten. Solche Fehlbremsmanöver passieren oft.»

Das zweite Problem hat seinen Ursprung bei den Autofahrern. «Am Lenker wird teilweise nur die Silhouette des E-Bike-Fahrers wahrgenommen und dieser deswegen als gewöhnlicher Velofahrer erkannt.» Das könne dazu führen, dass die Autofahrer das Tempo falsch einschätzten und beispielsweise beim Vortritt den Eindruck hätten, sie könnten sich noch in den Verkehr hineinzwängen. «Dann kommt’s zur Kollision», erklärt Krüsi.

Eigenverantwortung und gegenseitige Rücksichtnahme

Gleichzeitig fügt der Mediensprecher ein weiteres, zu wenig diskutiertes Thema an: «Der Alkohol spielt oftmals eine Rolle.» Viele Leute sagten sich, sie könnten mehr trinken, weil sie ja «nur» mit dem Velo fahren müssten. «Doch für die E-Biker gelten die gleichen Regeln wie für die Autolenker.»

Die Frage stellt sich: Wie soll man den E-Bikern mehr Sicherheit im Strassenverkehr bieten? «Den Zugang zu den Bikes regulieren und somit den Hype ein bisschen auszubremsen, ist keine Lösung. Dies wäre einfach zu aufwändig, man kann nicht alles einschränken.» So werde es halt auf der Strasse immer enger und dichter. «Dann wollen alle im Recht sein: Die Autos, die Motorräder, die Lastwagen, die Busse, die Velos, die E-Bikes und auch die Fussgänger auf dem Trottoir.» Regelungen wie die Einführung einer Lichtpflicht oder strengere Regelungen bei der Ausrüstung seien Lösungsansätze, die es zu diskutieren gelte, «doch kurzfristig müssen wir auf die gegenseitige Rücksicht sowie die Eigenverantwortung der Verkehrsteilnehmer zählen, so dass auch die E-Bike-Fahrer auf den Strassen gut integriert werden.» Krüsi sei keineswegs gegen das E-Bike, «es ist sogar eine sehr gute und nützliche Erfindung, vor allem hier in der Region der Voralpen mit ihrer unebenen Topografie.»