«E Bärner z'Floowil»

In Flawil war René Léchot der Personalchef der Flawa. Als Dichter war er unter dem Pseudonym Alfred Wettach landesweit bekannt. Heute wäre er 100jährig. Eine Rückblende.

Mario Fuchs
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FLAWIL. Mit seinem mageren hellbraunen Buchrücken sticht das Büchlein nicht aus dem Regal. Sein Umschlag gleicht handelsüblichem Packpapier. Man könnte es im Flawiler Brockenhaus leicht übersehen. Doch es ist der Titel, der die Augen geistesgegenwärtig weitet, den Geist augenblicklich öffnet: «E Bärner z Floowil.» Wer war da, es muss Jahre her sein, ausgewandert? Und hat sich dazu die Zeit genommen, das in der Fremde Erlebte zu Papier zu bringen? Und es gar noch verlegen lassen? Die Antwort scheint in schwarzen Lettern vom unscheinbaren Umschlag: «der Alfred Wettach verzellt Müschterli».

«Wett gärn – aber ach!»

Alfred Wettach? Kein Begriff. Nicht dem, der Jahrgang 88 hat. Eine erste Antwort gibt, wie heute üblich, das Internet. Das Lexikon der Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller weiss: «Alfred Wettach ist das Pseudonym von René Léchot-Baumann (*4.3.1913) <Bonne à tout faire>, (deutsch: Mädchen für alles, Anm. d. Red.), Pferdist, Nat. Dressurrichter.» Das Verzeichnis lässt den Schreiberling, vermutlich um 1994, gleich selbst über sich schreiben: «Pseudonym: Alfred Wettach (Wett gärn – aber ach!); geprägt wie einst Goethe: <Vom Vater hab' ich die Statur / des Lebens Ernstes führen / vom Mütterchen die Frohnatur / die Lust zum Fabulieren>.» Und weiter: «Musiker und Schriftsteller wollte ich werden, wurde aber vorerst Zuckerbäcker und Patissier, auf Wunsch des <Familienrates>, hatte doch meine Mutter in den USA einen Halbbruder, der zwar zwei Hotels, aber keine Kinder hatte.»

«Floowil» statt «Flawiil»

Doch das Leben des jungen René Léchot verlief weder so, wie er sich das vorgestellt hatte, noch so, wie sich der «Familienrat» das vorgestellt hatte: Es kam der Zweite Weltkrieg, und mit ihm die Rekrutierung in Genf. Der sportliche Bieler Giel, einst Schweizer Meister im Brustschwimmen, wurde nicht Hotelier, sondern Instruktor, Reit- und Sportlehrer bei der Abteilung für Sanität des Eidgenössischen Militärdepartements.

Einer seiner Dienstorte: St. Gallen Bruggen. Im Kurzgeschichtenband «E Bärner z'Floowil» erinnert er sich an die erste Begegnung mit dem Ort, der später seine Heimat werden sollte: «Der Kondüktör vo däm Zug, wo mi i d'Ostschwyz braacht het, han i ghöre rüefe: <Floowil – Floowil>, und s'<o> het er eso rächt läng zoge. Het das komisch tönt i den Ohre vomene Bärner; Floowil, wo mir doch Flawiil säge.»

Noch manches kam ihm in den nächsten Wochen «kuurlig» vor, «zum Byspil wen öpper gredt het vomene <Öpfel chafle>. E Bärner Mutz versteit under <chafle> was ne Oschtschwyzer under <usgryfe> oder <toope>, u so öppis seit men eifach nid.» Doch eines, das habe er gleich gemerkt, «het Sanggalle gmeinsam mit Biu, der Stadt am Jurafuess, won i ufgwachse bi: e ganz e Huufe apart schöni Meitschi.»

Bundesrätliche Ehre

Nach dem Krieg wurden die Pferde in der Armee auf einen kleinen Rest reduziert, für den Reitlehrer hatte der Staat keine Arbeit mehr. Jemand anderes aber hatte: die Schweizer Verbandstoff- und Wattefabriken AG in Flawil, genannt Flawa. Als Personalchef kamen ihm sein «harter Bernergring» und sein «welscher Charme» gleichermassen zugute. Er machte sich auch für Schwächere stark: viele Menschen mit einer Behinderung fanden in der Flawa dank ihm Arbeit. Bis zur Pensionierung 1979 blieb er der Flawa treu. Er fand Musse für seine Passionen: Reiten, Fischen, Dichten. Mit Büchern wie «Manne wie Tanne» oder «Mit tierischem Ernst» wurde er zum Volksdichter. Sein «CH-Lied» hätte es 1986 fast zur Landeshymne geschafft, was sogar von Kurt Furgler bundesrätlich geehrt wurde.

1974 heiratete René Léchot ein zweites Mal. Anita Léchot-Baumann gibt noch heute gerne Auskunft über den seinerzeit weitherum bekannten Gatten, der seinen Ruhestand voller Erwartungen begann. Doch eine teilweise Lähmung zwang ihn immer mehr in den Fahrstuhl und ins Bett. Anita Léchot pflegte ihren Mann liebevoll. Er verstarb 1999 im Alter von 86 Jahren.

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