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Drohender Brexit: Wie gehen Unternehmen der Region Wil mit der unsicheren Situation um?

Heute hätte Grossbritannien aus der EU austreten sollen. Doch der Brexit ist vorerst vertagt. Was sind die Konsequenzen für regionale Unternehmen? Einschätzungen des Kettensägeproduzenten Stihl in Wil, des Industrietechnologieproduzenten Bühler-Gruppe aus Uzwil und des Käseexporteurs Hardegger Käse in Jonschwil.
David Grob
Lastwagen im Hafen von Dover. Nach dem Brexit könnte es zu deutlich längeren Wartezeiten kommen. (Bild: Dan Kitwood/Getty Images)

Lastwagen im Hafen von Dover. Nach dem Brexit könnte es zu deutlich längeren Wartezeiten kommen. (Bild: Dan Kitwood/Getty Images)

  • Bei einem harten Brexit droht ein Lieferstau an der Grenze. Die Unternehmen beugen dem vor, indem sie bereits jetzt mehr Produkte liefern und in Grossbritannien lagern.
  • Unternehmen fürchten starke Probleme bei der Umsetzung des Brexits: längere Wartezeiten am Zoll, zusätzliche Kosten durch unterschiedliche Vorschriften.
  • Die Abkommen, die der Bund mit Grossbritannien getroffen hat, sind ein Schritt in die richtige Richtung.

Der 29. März 2019. Der Tag, an dem sich Grossbritannien aus der Europäischen Union verabschieden sollte. Zahltag für die Brexit-Abstimmung von 2016. Seit zwei Jahren hängt dieser Tag als dunkle Wolke drohend am ohnehin schon düsteren Horizont der europäischen Zukunft.

Doch vorerst ist er aufgeschoben. Auf wann ist derzeit fraglich. Der 22. Mai wurde den Briten von der EU angeboten – wenn das britische Unterhaus dem EU-Austrittsvertrag von Premierministerin Theresa May zustimmt. Nun verbleiben dem britischen Parlament zwei Wochen, um einen harten Brexit am 12. April zu vermeiden.

Unzählige Artikel analysierten bereits, welche Folgen der Brexit für Grossbritannien, die EU und die Schweiz nach sich zieht. Das Konjunkturforschungsinstitut der ETH Zürich (KOF) kommt beispielsweise zum Schluss, dass die Schweiz von einem Brexit kurzfristig «nur geringe direkte Effekte» zu befürchten hätte.

Doch was bedeutet der Brexit konkret für Unternehmen in der Region Wil? Wie beurteilen diese die Folgen für ihr Unternehmen? Die Bühler aus Uzwil, das Kettenwerk der Stihl in Wil und die Käsevertriebsfirma Hardegger in Jonschwil schätzen die Situation ein.

Motorsägenfabrikant Stihl gibt sich gelassen

Die Firma Stihl mit Hauptsitz im deutschen Waiblingen entwickelt und vertreibt in rund 160 Ländern motorbetriebene Landwirtschafts- und Forstmaschinen. Aushängeschild und meistverkauftes Produkt sind verschiedene Motorsägen, deren Ketten im Werk in Wil hergestellt werden. Die Firma beschäftigt weltweit knapp 16'000 Mitarbeiter.

Die Stihl, die in ihrem Werk in Wil die Ketten für ihre Motorsägen herstellt, blickt dem Brexit gelassen entgegen. (Bild: David Grob)

Die Stihl, die in ihrem Werk in Wil die Ketten für ihre Motorsägen herstellt, blickt dem Brexit gelassen entgegen. (Bild: David Grob)

Das Unternehmen gibt sich auf Anfrage gelassen. «Wir haben uns bestens vorbereitet auf einen harten Brexit, in dem wir die Lager randvoll aufgefüllt haben und zusätzlichen Lagerraum angemietet haben», schreibt der Mediensprecher des Unternehmens, Stefan Caspari. Zur Erklärung: Ein harter Brexit zieht zwangsläufig Probleme und Wartezeiten bei der Zollabfertigung nach sich. Zumindest kurzfristig kann die Stihl dadurch Lieferstaus vorbeugen. Die Probleme, die der Brexit allen Unternehmen gleich stelle, für die Stihl durchaus machbar. Caspari begründet:

«Da wir unsere Produkte seit Jahrzehnten vertreiben, haben wir im Umgang mit unterschiedlichen Vorschriften, Regulierungen, Verzollung und Transport in Märkte ohne Freihandelsabkommen ausreichend Erfahrungen.»

Caspari spricht damit sogenannt «nicht-tarifäre Handelshemmnisse» an, also Kosten, die aus unterschiedlichen Regulierungen und Vorschriften entstehen. So verursache der Brexit auch für die Stihl zusätzlichen Aufwand und unnötige Kosten, schreibt Caspari.

Trotzdem: Grossbritannien bleibt ein wichtiger Absatzmarkt und ist weiterhin in der Top 10 des weltweiten Umsatz-Rankings des Unternehmens. Die Stihl forciert ihre Vertriebsaktivitäten in Grossbritannien.

«Wir investieren in den Ausbau unserer britischen Vertriebsgesellschaft mehrere Millionen Euro, da wir mittel- und langfristig weiteres Potenzial sehen.»

Caspari begrüsst die Verschiebung des Austrittsdatums, fürchtet aber einen harten Brexit, der Chaos, Unsicherheit und unkalkulierbare Kosten für Firmen und Konsumenten auf beiden Seiten des Ärmelkanals nach sich zögen. Er hofft deshalb auf eine erneute Abstimmung durch die britische Stimmbevölkerung.

Die Bühler Gruppe sieht sich für jedes Szenario gewappnet

Die Bühler-Gruppe beschäftigt rund 13'000 Mitarbeitende und agiert in über 140 Ländern. Das Unternehmen produziert Technologien, die von der Lebensmittel- und Mobilitätsindustrie verwendet werden. Die Bühler-Gruppe betont auf ihrer Website ihre «globale Relevanz». So würden sich nach eigenen Angaben täglich zwei Milliarden Menschen mit Lebensmitteln ernähren, die auf Anlagen von Bühler hergestellt wurden.

Die Bühler-Gruppe aus Uzwil ist für die verschiedenen Varianten des Austritts gerüstet. (Bild: Urs Bucher)

Die Bühler-Gruppe aus Uzwil ist für die verschiedenen Varianten des Austritts gerüstet. (Bild: Urs Bucher)

In Bezug auf den Umgang mit dem Brexit lässt sich das Unternehmen weniger offen in die Karten blicken als die Stihl. «Wir bewerten die Situation sorgfältig, wollen aber nicht spekulieren», schreibt der Mediensprecher Samuel Eckstein. Mit Blick auf die zerfahrene Situation im britischen Unterhaus sei unklar, wie sich der Brexit auf das Geschäft in Grossbritannien auswirken werde.

Eckstein sieht gewisse Probleme beim Export vom britischen Standort aus. Dadurch, dass die Bühler-Gruppe viele der Fertigungsschritte von der Herstellung eines Produkts bis zum Vertrieb aber selbst übernimmt, schätzt er die Situation als nicht zu dramatisch ein.

«Wir sind nicht annähernd so exponiert wie andere Unternehmen.»

Man sei für jedes Szenario bereit. Das Unternehmen habe Strategien für alle möglichen Varianten des Austritts aus der EU entwickelt, um weiter profitabel wirtschaften zu können, verlautet Eckstein. Wie diese Strategien aber genau aussehen, führt der Mediensprecher nicht weiter aus. Ohnehin generiere der Markt in Grossbritannien gerade mal einen Umsatz von etwas über 60 Millionen Franken – dies bei einem Gesamtvolumen von rund 3,3 Milliarden Franken. «Wir sprechen also von einem sehr tiefen Anteil am Gesamtvolumen.»

Hardegger Käse sieht Probleme bei Umsetzung

Im Vergleich zu den Riesen Stihl und Bühler ist der lokale Käseexporteur Hardegger Käse AG ein kleiner Player, aber dennoch global tätig. 125 Mitarbeitende beschäftigt das Familienunternehmen aus Jonschwil. Der Käseexport nach Grossbritannien macht einen geringen Anteil am Gesamtvolumen aus. Geschäftsführer Josef Hardegger spricht von rund 100 Tonnen Käse pro Jahr, die seine Firma nach Grossbritannien liefert, einen Zwöfltel der rund 1200 Tonnen des gesamtschweizerischen Käseexports über den Ärmelkanal.

Käseexporteur Hardegger Käse liefer derzeit Mehrmengen an Käse über den Ärmelkanal. (Bild: David Grob)

Käseexporteur Hardegger Käse liefer derzeit Mehrmengen an Käse über den Ärmelkanal. (Bild: David Grob)

Auch wenn Grossbritannien einen vergleichsweise kleinen Markt für den Käseexporteur darstellt, bedauert Hardegger die Situation:

«Wir beliefern in Grossbritannien langjährige und treue Kunden.»

Um einem harten Brexit vorzubeugen, liefert die Firma derzeit Mehrmengen über den Ärmelkanal, die eingelagert werden. «Dies wird im Falle eines harten Brexits drei bis vier Wochen lang ausreichen.»

Die momentane Situation ist bereits jetzt spürbar. «Die Unsicherheit schlägt sich in Kursschwankungen nieder», sagt Hardegger. Doch brisant wird es erst, wenn der Brexit schliesslich eintritt. Der Käseexporteur sieht viele Probleme in der faktischen Umsetzung: Wie läuft die Verzollung ab, wie wird der Grenzübertritt gehandhabt? «Wir rechnen mit deutlich längeren Wartezeiten.» Etwas Zuversicht bereiteten ihm indes die bilateralen Verträge, die der Bund mit Grossbritannien ausgehandelt hat.

«Diese sind ein erster Schritt für eine geregelte Zukunft.»

Die bilateralen Abkommen des Bundes

Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Grossbritannien basieren massgeblich auf den bilateralen Abkommen zwischen der Schweiz und der EU. Mit dem Austritt sind diese nicht mehr auf den Inselstaat anwendbar. Neue Verträge wurde deshalb nötig. Die bestehenden gegenseitige Rechte und Pflichten bündeln die Schweiz und Grossbritannien in der sogenannten «Mind the Gap»-Strategie. Vom Dezember bis Februar unterzeichneten die zwei Länder insgesamt fünf Abkommen, welche den Status Quo möglichst reibungslos weiterführen sollen.

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