DROGEN: 55'000 Spritzen abgegeben

Der Kaktus, Anlaufstelle der Wiler Integrations- und Präventionsprojekte, händigte im vergangenen Jahr 38 Prozent mehr Injektionsmaterial aus als im 2015. Die Besucherzahl war seit den 1990er-Jahren nie mehr so hoch.

Philipp Haag
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Suchtproblematik ist und bleibt aktuell: Wipp-Leiter René Akeret und Stadtrat Dario Sulzer. (Bild: Philipp Haag)

Suchtproblematik ist und bleibt aktuell: Wipp-Leiter René Akeret und Stadtrat Dario Sulzer. (Bild: Philipp Haag)

Philipp Haag

philipp.haag@wilerzeitung.ch

Es ist ein Rekordjahr, allerdings ein bedauerliches. Noch nie seit den 1990er-Jahren mit den Nachwehen der Schliessung der offenen Drogenszene am Letten in Zürich besuchten so viele Personen den Kaktus an der Toggenburgerstrasse in Wil. Im vergangenen Jahr waren es 9707 Personen, was gegenüber den 8960 im Jahr 2015 einer Zunahme von acht Prozent entspricht. Im Schnitt waren täglich 28 Drogenabhängige in der Anlaufstelle anwesend. Die Suchtproblematik bleibt aktuell, «auch wenn sie aus der Wahrnehmung der Öffentlichkeit etwas verschwunden ist», wie Stadtrat Dario Sulzer, Vorsteher des Departements Soziales, Jugend und Alter, sagte. Diesem sind die Wiler Integra­tions- und Präventionsprojekte (Wipp) angegliedert, welche den Kaktus betreiben. Die Gründe für den Anstieg sind vielfältig. Feststellbar war im vergangenen Jahr, dass es vermehrt Neuanmeldungen von jüngeren Personen gab, wie Wipp-Leiter René Akeret gestern an einer Pressekonferenz sagte. Mit jünger meint Akeret Personen ab 25 Jahren.

Tagesdurchschnitt von 151 Spritzen

Dass die Nachfrage nach den Wipp-Angeboten nach wie vor hoch, gar gestiegen ist, zeigt sich an einer weiteren Zahl. Im Jahr 2016 gab der Kaktus insgesamt 55'300 Spritzen ab, was einem Tagesdurchschnitt von 151 entspricht. Die Suchtberatung Region Wil sowie Uzwil bezogen ihren Jahresbedarf über die Wipp. Dieser betrug 12000 Spritzen. Unter Berücksichtigung dieses Effekts stieg die Anzahl abgegebenem sauberen Injektionsmaterial trotzdem im Vergleich zum Vorjahr um 38 Prozent. Im Jahr 2015 waren es 31198 Spritzen. Die Zunahme ist zum einen auf die gestiegene Besucherzahl zurückzuführen, zum anderen auf den vermehrten Konsum von Kokain. Da dessen Wirkung nicht lange anhält, sind täglich meh­rere Injektionen notwendig. Ausserdem: «Spritzentausch kommt praktisch keiner mehr vor», sagte Akeret. Demzufolge kommt es «nur» noch zu wenigen Ansteckungen mit HIV. Die Abgabe von sauberen Spritzen ist aber auch wegen Hepatitis C dringend angezeigt. Bei der Hepatitis-C-Prävention möchte Akeret in diesem Jahr stärkere Anstrengungen unternehmen. Die Ansteckung kann nicht nur über den gemeinsamen Gebrauch von Spritzen erfolgen, sondern auch über andere Utensilien. «Das Risiko wird gerne unterschätzt.» Obwohl die Folgen, vor allem bei starkem ­Alkoholkonsum, drastisch sein können. Endstadium einer Hepatitis-C-Erkrankung kann eine Leberzirrhose sein.

Viele Besucherinnen und Besucher des Kaktus sind polytoxikoman veranlagt. Dies bedeutet die gleichzeitige Abhängigkeit von verschiedenen Substanzen. «Der Trend hat sich im vergangenen Jahr verfestigt», sagte Akeret. Hoch in der Gunst der Klientinnen und Klienten stand Kokain. Dies machte die Arbeit für die Kaktus-Mitarbeitenden nicht einfach, da vor allem in Kombination mit Alkohol ein latentes Aggressionspotenzial vorhanden ist. Trotzdem musste die Polizei weniger oft eingreifen als früher. Durch ihre Erfahrung schaffen es die Mitarbeitenden, deeskalierend zu wirken. Mit 180 Personen stehen sie regelmässig in Kontakt. Viele leiden neben ihrer oftmals langjährigen und chronifizierten Suchterkrankung an psychiatrischen Krankheitsbildern. Weil bei einigen Bewohnern des betreuten Wohnens (siehe Infokasten) der körperliche Gesundheitszustand abnahm, kam es im vergangenen Jahr zu einer intensivierten Zusammenarbeit mit der Spitex und zu Umplatzierungen bei besonders pflegebedürftigen Personen.

Neue Leiterin für den Kaktus

Zu einem Wechsel kommt es bei der Leitung des Kaktus, nach wie vor zentraler Dreh- und Angelpunkt der Wipp. Claudia-Maria Kolb, welche das Contact, die Kontakt- und Anlaufstelle der Sozialen Dienste Mittelrheintal in Heerbrugg, geleitet hatte, übernimmt ab Juli die Nachfolge von Nicolas Patzold. Ausserdem wurde wegen der nach wie vor grossen Nachfrage per Anfang Jahr das Wipp-Team um eine 50-Prozent-Stelle aufgestockt.