Drehen, bis sich Locken kringeln

Die letzten Mohikaner (3): Berufe, die aussterben. Der Name Theo Müller ist in Drechslerkreisen schon lange ein Begriff. Seit zwei Jahren setzt die jetzige Inhaberin Barbara Müller neben der Fertigung auch auf die Schulung von Freizeitdrechslern.

Christine Gregorin
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Steht Barbara Müller an der Drechselbank, dann ist sie ganz in ihrem Element. (Bild: cg.)

Steht Barbara Müller an der Drechselbank, dann ist sie ganz in ihrem Element. (Bild: cg.)

«Eigentlich wollte ich ja einmal Kindergärtnerin oder Lehrerin werden», verrät Barbara Müller gegenüber der Wiler Zeitung. Da es schulisch nicht ganz gereicht hat, entschied sich die im Kanton Zürich aufgewachsene Schulabgängerin, eine Lehre als Drechslerin zu machen. Und diesen Entscheid hat sie bis heute nie bereut. Die Freude an der anspruchsvollen Arbeit mit den verschiedenen Hölzern ist der Wilerin anzusehen und der Eifer, mit dem sie die Zusammenhänge zwischen Technik, Material und Vorgehensweise erklärt, widerspiegelt ihre Leidenschaft dafür.

Flexible Produktion

Aufgrund der Betriebsgrösse wäre durchaus genügend Platz vorhanden, am Geschäftsstandort an der Konstanzerstrasse 71 bis zu fünf Mitarbeiter zu beschäftigen. Mit Hilfe des vorhandenen Maschinenparks kann nach wie vor mengenmässig das ganze Spektrum an Aufträgen abgedeckt werden; von der Einzelanfertigung bis hin zur Produktion grosser Stückzahlen. Vor zwei Jahren haben Barbara Müller und ihr Gatte Theo nun beschlossen, nur noch zu zweit zu arbeiten und übernehmen seither zur Hauptsache Drechselaufträge für den Innenausbau.

Ob Treppensprossen, Säulen, Tischbeine oder Möbelknöpfe, die angebotene Formenvielfalt ist enorm. Verarbeitet werden vorwiegend einheimische Laubhölzer, die dank ihrer Härte bestens zum Drechseln geeignet sind. Dazu gehören Buche, Ahorn, Esche, Nuss-, Birn-, Kirsch- und Apfelbaum.

Und ist auf der Drechselbank tatsächlich einmal exotisches Hartholz eingespannt, handelt es sich dabei fast ausschliesslich um einen Restposten, der bei der Umsetzung eines speziellen Kundenwunsches noch übriggeblieben ist.

Neues Standbein

«Mit der Lancierung der Drechselschule habe ich im Sommer 2008 meinen ursprünglichen Berufswunsch doch noch verwirklichen können», freut sich Barbara Müller. In enger Zusammenarbeit mit dem Drechselbanklieferanten Eigenmann AG in Dietfurt bietet sie die entsprechenden Einführungs- und Weiterbildungskurse an. In einer Win-win-Situation können die Hobbydrechsler ihre Wunschdrechselbänke vor einer Kaufentscheidung testen, und Barbara Müller verfügt über ein zweites berufliches Standbein, das ihr viel Freude bereitet. «Ich sehe darin auch eine Möglichkeit, das Drechslerhandwerk lebendig zu erhalten», konstatiert die Kursleiterin.

Mit schweizweit nur gerade vier neuen Drechslerlehrlingen pro Jahr erscheine es absehbar, dass in nicht allzu ferner Zukunft die letzten Mohikaner ihr Wissen und Können ansonsten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit in ihr Grab nehmen würden, sinniert die Wilerin nachdenklich. Übrigens befindet sich die Berufsschule der Drechsler bezeichnenderweise im Freilichtmuseum Ballenberg.

«Wir vermitteln unseren Kursteilnehmern die professionelle Schnitttechnik», erläutert der bereits pensionierte Gatte und unterstreicht, dass dies in Drechslerkreisen nicht unumstritten sei. Aber der Mut, auf dem seit jeher innovativen Weg des traditionsreichen Familienunternehmens einen Schritt weiterzugehen, hat sich für Barbara Müller allemal gelohnt. Vom dreistündigen Schnupperkurs bis hin zum anspruchsvollen Spanlockendrechseln, ob Profil- oder Exzenterdrechseln und auf einer oder mehreren Achsen, bietet die versierte Drechsellehrerin einen Grossteil der benötigten Techniken als Kurse an. Die Freizeitdrechsler entstammen aus sämtlichen Berufssparten und Lebenslagen. Mit dem Ziel, das Hobby als Gegenpol zur Berufsroutine zu nutzen, die eigene Kreativität auszuleben, etwas mit den Händen zu erschaffen oder einfach nur zur Abwechslung, erlernen sie das altehrwürdige Drechslerhandwerk.

In dieser Serie porträtiert die Wiler Zeitung in loser Folge Berufsleute, die zu den letzten ihrer Spezies gehören.