Drecksarbeit im Lehmtobel: Bei der Sanierung der Deponie in Flawil kommt über 60 Jahre alter Kehricht ans Tageslicht

Die Sanierung der Deponie Lehmtobel schreitet voran. Der dort zwischen 1910 und 1960 gelagerte Kehricht hat die Jahrzehnte erstaunlich gut überstanden.

Tobias Söldi
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Arbeiten im Abfall: Die ehemalige Deponie Lehmtobel muss saniert werden. (Bilder: Tobias Söldi)

Arbeiten im Abfall: Die ehemalige Deponie Lehmtobel muss saniert werden. (Bilder: Tobias Söldi)

Magnus Hälg, Fachspezialist Abfall und Rohstoffe, Amt für Umwelt

Magnus Hälg, Fachspezialist Abfall und Rohstoffe, Amt für Umwelt

Plastikbehälter, Nylon-Strümpfe, Autopneus, Styropor, Glasflaschen, Metallgegenstände aller Art – in der Deponie Lehmtobel in Flawil kommt Kehricht ans Tageslicht, der vor mehr als 60 Jahren ganz unbekümmert dort beseitigt worden war.

«Ich staune immer wieder, wie gut das alles erhalten ist», sagt Magnus Hälg, Fachspezialist Abfall und Rohstoffe vom Amt für Umwelt, während er den abschüssigen Hang hinunter balanciert, in dem die lehmige, dicke Erde und der Kehricht eine unappetitliche Mischung ergeben. «Man findet Batterien, die immer noch so aussehen, als ob man sie gleich in eine Taschenlampe stecken könnte.»

Nicht die einfachsten Arbeiten

Cédric Künzler, Bauleiter Grunder Wepf AG, St. Gallen

Cédric Künzler, Bauleiter Grunder Wepf AG, St. Gallen

In voraussichtlich einem Jahr wird dieser trostlose Ort wieder einem Wald Platz machen, wie er früher hier gestanden hatte. Jetzt aber pflügen Bagger und Baumaschinen unbeeindruckt durch das unwegsame Gelände und hinterlassen tiefe Spuren in der weichen Erde. Sie errichten einen 14000 Kubikmeter grossen Stützdamm, um die ehemalige Deponie zu sichern, und legen den darunter liegenden, eingedolten Lehmtobel-Bach frei. «Es ist nicht die einfachste Baustelle», sagt Cedric Künzle, Bauleiter der Gruner Wepf AG.

Zur Wilerstrasse hin haben die Arbeiter bereits eine tiefe Schneise ausgehoben, die den Bach bald um die Deponie herum führen wird. 6500 Kubikmeter Erde wird freigelegt und von den Baumaschinen auf die alte Deponie verschoben. «Der gesamte Materialumschlag beträgt rund 20500 Kubikmeter», sagt Bauleiter Künzler.

Am Ende der Sanierung wird die ehemalige Deponie wieder abgedeckt, der Wald wieder aufgeforstet. Der Kehricht muss nicht abgeführt werden, da er das Grundwasser nicht belastet. Die Arbeiten sind gut angelaufen: «Wir kommen schneller voran als geplant», sagt Künzler.

Plastikbehälter, Nylon-Strümpfe, Autopneus, Styropor, Glasflaschen, Metallgegenstände aller Art finden sich in der Deponie Lehmtobel. (Bild: PD)
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Die Sanierungsarbeiten schreiten voran. (Bilder: Tobias Söldi)
Zur Wilerstrasse hin haben die Arbeiter bereits eine tiefe Schneise ausgehoben, die den Bach bald um die Deponie herum führen wird.
Cedric Künzle (Bauleiter Grunder Wepf AG St. Gallen), Magnus Hälg (Fachspezialist Abfall und Rohstoffe, Amt für Umwelt), Elmar Metzger (Gemeindepräsident Flawil)

Plastikbehälter, Nylon-Strümpfe, Autopneus, Styropor, Glasflaschen, Metallgegenstände aller Art finden sich in der Deponie Lehmtobel. (Bild: PD)

Altlasten aus den Jahren 1910 bis 1960

Die Geschichte der Deponie Lehmtobel führt fast ein ganzes Jahrhundert in die Vergangenheit zurück: Zwischen 1910 und 1960 lagerte die Gemeinde Flawil ihren Kehricht in der damaligen Deponie am westlichen Dorfrand gleich hinter dem Tennisplatz. Es ist eines von zahlreichen Beispielen für allzu sorglosen Umgang mit Abfall in der Vergangenheit: Bis vor wenigen Jahrzehnten war es gang und gäbe, dass Gemeinden ihren Kehricht dort deponierten, wo sich ein geeigneter Platz fand: in ehemaligen Kiesgruben, in Geländemulden oder eben in Bachtobeln. «Es gibt kaum eine Gemeinde, die nicht eine solche Altlast hat», sagt Marco Paganoni, Stabsmitarbeiter vom Amt für Umwelt.

Eine «tickende Zeitbombe»

In Flawil rächte sich der sorglose Umgang in den 1990er-Jahren: Sickerwässer gelangten aus der Deponie in den Bach, zudem erwies sich die Böschungen der Deponie als instabil und die Eindolung als einsturzgefährdet. Gemeindepräsident Elmar Metzger bezeichnete die Deponie einst als «tickende Zeitbombe».

Doch die Sanierung von Altlasten ist teuer und aufwendig: Die Arbeiten im Lehmtobel, inklusive der Sicherung des Geländes und der Offenlegung des Baches, kosten voraussichtlich 4,8 Millionen Franken. Der Bund übernimmt davon zwei Millionen Franken für die Altlastensanierung, 500000 Franken zahlt der Kanton an die Freilegung des Baches. Die restlichen 2,3 Millionen berappt die Gemeinde.

Im ganzen Kanton gibt es rund 1800 solcher belasteter Standorte. Von den 570 bis jetzt untersuchten Standorten wurden 150 als sanierungsbedürftig beurteilt und gelten als Altlast – darunter die Deponie Lehmtobel in Flawil. «Jetzt müssen wir mit viel Aufwand rückgängig machen, was früher unbekümmert weggeworfen worden ist», sagt Paganoni vom Amt für Umwelt. Der Bund will, dass alle Sanierungen bis 2040 abgeschlossen sind. Gut die Hälfte der Sanierungen konnte bereits durchgeführt werden.