Dokumente als Fenster der Zeit

Leben im Kloster (9) – Bruder Thomas Morus Huber beschäftigt sich mit der Übersetzung von Dokumenten vieler Zeitepochen bis hin zu zeitgenössischen Texten, dies gibt ihm immer wieder berührende Einblicke in die damalige Zeit.

Beatrice Oesch
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Bruder Thomas Morus Huber übersetzt aus einer Weihe-Urkunde mit hölzernem Siegel aus dem Jahr 1657. (Bild: bo.)

Bruder Thomas Morus Huber übersetzt aus einer Weihe-Urkunde mit hölzernem Siegel aus dem Jahr 1657. (Bild: bo.)

Bruder Thomas Morus Huber verfügt in seinem Zimmer im Kapuzinerkloster Wil über einen modernen Computerarbeitsplatz mit viel Tageslicht. Seine Sprachkompetenz in Latein, Altgriechisch, Italienisch und Französisch bringt es mit sich, dass er immer wieder alte und auch zeitgenössische Dokumente zur Übersetzung ins Deutsche erhält. So war er namhaft an der Erstellung der Franziskus-Quellen beteiligt, einem dicken, rot-gebundenen Wälzer.

«Dieses Buch enthält sämtliche Texte von und über Franz von Assisi sowie auch Biografien», erklärt Bruder Thomas, und fügt lächelnd hinzu: «Besonders faszinierend finde ich den Einblick ins damalige Leben durch solche Schriften, wenn zum Beispiel in einer Klosterchronik nebensächlich erwähnt plötzlich Informationen über den heiligen Franz auftauchen, wie der Satz <Und er liess sich Bruder nennen>, was im damaligen hierarchischen Denken sehr ungewöhnlich war.»

Bruder Thomas liebt es, in alten Dokumenten zu blättern; er hat eine Weihe-Urkunde aus dem Jahr 1657 mit hölzernem Siegel vor sich. Behutsam faltet er sie auf, streicht sie glatt und fängt sogleich mit Übersetzen an.

Kinderzimmer im Estrich

Aufgewachsen ist Bruder Thomas in Münchenstein in Basel-Land, sein Vater war Bahnhofvorstand. «Wir waren sechs Kinder und hatten nur genügend Platz, weil wir im Estrich mietfrei drei Zimmer einrichten durften», erinnert er sich schmunzelnd.

In Kontakt mit Kapuzinern kam er schon früh: «Als Ministrant hatte ich den Auftrag, im Kapuzinerkloster Dornach Hostien zu holen, und der Pförtner beeindruckte mich sehr mit seiner Einfachheit und Schlichtheit.» Nach der Matura studierte der junge Thomas zwei Jahre Philosophie: «Ich wollte mir über meinen weiteren Lebensweg klar werden.» Er trat sein Noviziat in Luzern an, studierte Philosophie und Theologie in Stans und Solothurn.

Sein Pastoraljahr verbrachte er in Wil und anschliessend folgten sechs Studienjahre in Latein und Altgriechisch an der Universität Zürich. «Im Kollegium St. Fidelis in Stans unterrichtete ich nach dem Studium zwölf Jahre lang Latein und Altgriechisch, und als das Kollegium an den Kanton übergeben wurde, sah ich dies als Chance, etwas ganz anderes zu machen – ich wurde Guardian im Kloster Rapperswil für ein Jahr, und anschliessend für sechs Jahre Regionaloberer der Deutschschweizer Kapuziner.»

«Hineingerutscht»

Ebenfalls als Guardian wirkte Bruder Thomas während eines Jahres in Wil und sechs Jahren in Luzern. Dort betreute er als Redaktor IKI, das ordensinterne Blatt der deutschsprachigen Kapuzinerprovinzen, was häufig das Übersetzen von ihm zugestellten fremdsprachigen Texten und Informationen nötig machte.

«Ich bin sozusagen ins Übersetzen hineingerutscht», meint er mit einem Augenzwinkern. Nach drei Jahren in Rapperswil, wo er vor allem in der Aushilfseelsorge und Gästebetreuung tätig war, kam er 2009 nach Wil zurück. «Jetzt ist das Übersetzen zu meiner Hauptaufgabe geworden, die mich immer wieder fesselt», sagt Bruder Thomas Morus Huber leise, faltet die über 350 Jahre alte Urkunde sachte zusammen und legt sie lächelnd in ihre Schachtel zurück.

In dieser Serie berichtet die Wiler Zeitung in loser Folge über die Menschen und ihr Leben im Kapuzinerkloster Wil.

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