«Diskutieren bringt mich weiter»

Seit 30 Jahren geht Hans Müller einem besonderen Hobby nach. Er bereist als Agrarjournalist die Welt. Der Flawiler nahm an zahlreichen Kongressen und Exkursionen in 20 verschiedenen Ländern teil.

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Durch den «St. Galler Bauer» kam Hans Müller zum Journalismus. (Bild: uam.)

Durch den «St. Galler Bauer» kam Hans Müller zum Journalismus. (Bild: uam.)

Herr Müller, welches Erlebnis aus den vergangenen 30 Jahren vergessen Sie nicht mehr so schnell?

Hans Müller: 1991 war ich an einem Kongress in Holland. Wir durften in einer Forschungsanstalt den ersten Melkroboter besichtigen. Als die Kuh in den Melkstand trat und der Roboter die Arbeit aufnahm, drückten die Journalisten auf den Auslöser. Dieses Blitzlichtgewitter war aber zu viel für die Elektronik. Sie streikte.

Wie läuft ein solcher Kongress ab?

Müller: Am ersten Tag wird in der Regel über die Landwirtschaft des jeweiligen Staates orientiert. Meist ist auch der Agrarminister vor Ort. Danach geht es auf Exkursion. Das heisst, wir besuchen Bauernhöfe. Ich finde das immer sehr spannend. Letztes Jahr war ich beispielsweise auf zwei Betrieben in Schweden und wurde dort mit der neusten Technologie der Milchproduktion vertraut gemacht. Auf dem ersten Betrieb lebten 350 Kühe, die alle vollautomatisch gefüttert wurden. Auf dem zweiten werden 400 Kühe in einem Karussellmelkstand von Robotern gemolken.

Wäre das in unserer Region ebenfalls möglich?

Müller: In den kleinbäuerlichen Strukturen, die wir hier kennen, ist das nicht denkbar. Wir können uns auch nur schwer vorstellen, dass ein Betrieb mit so vielen Tieren überhaupt funktionieren kann. Aber es geht. 2009 besuchte ich in Texas eine Farm mit 5500 Milchkühen. Die Abläufe dort schienen wunderbar organisiert. Natürlich war es aber auch eine riesige Herausforderung für den Manager.

Spricht man in einem solchen Fall nicht mehr vom Bauer, sondern vom Manager?

Müller: Das ist dasselbe wie in jedem grossen Betrieb. Einer managt, und das Personal führt die Arbeiten – in diesem Fall das Melken – aus. Interessant zu beobachten war dies in Südafrika. Dort herrschte auf dem Grossbetrieb, den ich besucht habe, eine ganz klare Aufgabenteilung. Die schwarzen Angestellten haben gemolken, die Mischlinge sind mit den Traktoren herumgefahren.

Im Januar waren Sie bereits zum 19. Mal an der Internationalen Grünen Woche in Berlin und haben im «St. Galler Bauer» darüber berichtet. Was macht diese Messe so besonders?

Müller: Für mich ist die Grüne Woche eine Bereicherung. Jedes Mal wenn ich dort war, habe ich das Gefühl, wieder aufgetankt zu sein mit aktuellem Wissen über die europäische Agrarpolitik. An den Medienkonferenzen und Foren, die im Rahmen der Grünen Woche stattfinden, werden Themen behandelt, die in Zukunft auf die Landwirtschaft zukommen. Ich schätze die Diskussionen und die Begegnungen.

Führen diese Diskussionen denn auch zu Ergebnissen oder sind sie nicht manchmal nur eine Alibiübung?

Müller: Es ist eine gängige Meinung, dass solche Veranstaltungen nichts bringen. Ich erachte es aber als sehr wichtig, dass es Plattformen gibt, um miteinander zu diskutieren. Ich persönlich kann mich so auch weiterentwickeln. Natürlich werden an solchen Treffen keine Beschlüsse getroffen. Aber die Aufrufe, die dort gemacht werden haben auch eine Ausstrahlung. Am diesjährigen globalen Forum für Nahrung und Landwirtschaft ging es beispielsweise darum, wie man im Jahr 2050 die Ernährung für 9.3 Milliarden Menschen sicherstellen kann. Die Botschaft war: Der Kampf gegen den Hunger erfordert eine deutliche Steigerung der Investitionen in die Land- und Ernährungswirtschaft.

Welche Investitionen können wir hier bei uns machen?

Müller: Es wurde noch nie so deutlich wie dieses Jahr gesagt, dass der Schlüssel für die Bekämpfung des Hungers in der Welt in einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft liegt, so wie wir sie hier kennen. Wir sollten Sorge tragen, dass unsere Strukturen von bäuerlichen Familienbetrieben beibehalten werden können. Wir beobachten, dass in vielen Ländern Grosskonzerne Landwirtschaftsland aufkaufen, um selber Nahrungsmittel für den Weltmarkt produzieren zu können. Damit wird die inländische Landwirtschaft verdrängt. In vielen Entwicklungsländern hätte es genug Flächen, die man bewirtschaften könnte, wenn Kleinbauern das Wissen und das Geld hätten, daraus etwas zu machen.

Wie steht es denn um den Selbstversorgungsgrad in unserer Region?

Müller: Die Schweiz hat einen tiefen Selbstversorgungsgrad von knapp 60 Prozent. Unserer Region ist vor allem ein Graswirtschaftsgebiet, weshalb die Milchproduktion vorherrscht. Im Kanton St. Gallen gibt es zudem aus klimatischen Gründen sehr wenig Ackerbau. Ohne den Import von Futtermitteln könnten wir auch die Fleischproduktion nicht in diesem Ausmass betreiben. Aber im Vergleich zum Ausland geben wir unseren Tieren sehr wenig Kraftfutter.

In Ihrem Artikel haben Sie eine Ministerin zitiert. Sie sagt, Nahrungsmittel sollten dort produziert werden, wo man sie braucht. Wie lassen sich denn unsere Futtermittelimporte rechtfertigen?

Müller: Diesbezüglich haben wir in der Schweiz auch ein Problem. Der Futtergetreideanbau ist bei uns in den vergangenen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen stark zurückgegangen. Nun müssen wieder mehr Futtermittel importiert werden. Mit Sojaimporten aus Brasilien muss das Eiweiss ersetzt werden, das in der Schweiz fehlt, weil seit einigen Jahren die Schlachtabfälle nicht mehr dem Futter für Schweine und Geflügel beigemischt werden dürfen.

Was fasziniert Sie am meisten an der Tätigkeit als Agrarjournalist?

Müller: Das Eindrücklichste sind die Besuche bei den Bauern auf dem Land. Das ist etwas, wozu man als Tourist nicht einfach die Gelegenheit hat. Dabei stelle ich auch immer wieder fest, dass es global gesehen gar keine grossen Unterschiede zwischen den Bauernfamilien gibt. Sie alle wollen zu ihrem Boden Sorge tragen und diesen auch noch für die nächste Generation erhalten. Das sind Werte, die man auf der ganzen Welt spürt.

Interview: Ursula Ammann