«Dieses Amt verlangt Feu sacré»

Der Präsident des katholischen Kirchenverwaltungsrats Wil, Josef Fässler, tritt per Ende Jahr nach 28 Jahren von seinem Amt zurück. Der Wiler Zeitung verdeutlicht er sein Engagement und die heutige Funktion der Kirche.

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Herr Fässler, sind 28 Jahre als Präsident der Kirchenverwaltung ein Beruf oder eine Berufung?

Josef Fässler: Als Präsident des Kirchenverwaltungsrates hatte ich primär eine Leitungsaufgabe im Auftrag der Kirchbürgerschaft wahrzunehmen und zeichnete gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen des Rates für alle staatskirchenrechtlichen Aufgaben – Organisation, Finanzen, Personelles, Unterhalt von Gebäuden, Bauten und Sanierungen, Rechtliches, Administration etc. – und die strategische Entwicklung der Kirchgemeinde verantwortlich. Diese Leitungsverantwortung bedingt eine hohe Identifikation mit den kirchlichen Aufgaben, die auf der christlichen Lehre basieren und meines Erachtens per se eine hohe Sinnhaftigkeit aufweisen. Der Einsatz für christliche Werte in einer zunehmend säkularisierten Welt bedingt in besonderem Masse Überzeugungskraft und notwendigerweise Feu sacré.

Welches waren in dieser Zeit die emotionalsten Erfahrungen?

Fässler: Als Verantwortlicher einer Kollegialbehörde, durfte ich stets auf die Freundschaft, Kollegialität und Solidarität meiner Kolleginnen und Kollegen im Rat, im Seelsorgeteam und im Pfarreirat zählen. Ganz besonders hat mich jeweils die überzeugende Unterstützung von Projekten und Ideen für die Zukunftsgestaltung unserer Kirche durch die Kirchbürgerschaft berührt; so darf ich zusammen mit «meinem Rat» mit Genugtuung und Dank feststellen, dass in all den Jahren weder ein Antrag an der jeweiligen Kirchbürgerschaftsversammlung noch bedeutende und zukunftsorientierte Projekte bei den Urnenabstimmungen abgelehnt wurden.

Bei Meinungsverschiedenheiten kann man auch anecken.

Fässler: Demokratische Strukturen bedingen Auseinandersetzungen und verschiedene Ansichten; sie müssen jedoch stets von Respekt und Achtung getragen sein. Meiner Wesensart entsprechend, habe ich mich den verschiedenen Sichtweisen stets gestellt und die Überzeugungen des Rates mit aller Kraft vertreten und eingebracht. Entscheidungsträger, die für ihre Überzeugungen einstehen, werden immer anecken und müssen vor allem bei fundamentalen Meinungsverschiedenheiten mit Kritik rechnen; eine Realität, der sich ein Amtsträger zu stellen hat. Ich habe stets versucht, in den vielen Diskussionen um Werte in der Gesellschaft und in der Gestaltung der Lebensmuster zu meinen Wertvorstellungen zu stehen; dabei habe ich mich nie aus Popularitätsgründen verbiegen lassen.

Welche Funktion hat die Kirche heute?

Fässler: Den Ruf nach der strikten Trennung von Kirche und Staat – auch aus kirchlichen Kreisen – unterstütze ich nicht, weil dadurch die demokratischen Strukturen der heutigen Kirchgemeinden gefährdet würden. Die christlichen Kirchen haben die Funktion, sich als staatstragende Werteinstitutionen in die Gesellschaft einzubringen und ihre Werte ohne ausgrenzenden Missionseifer zu vermitteln. Ich bin mir bewusst, dass diese Haltung mancherorts verpönt ist. So bestehen gesellschaftspolitische Tendenzen, religiöse Werte und Überzeugungen im öffentlichen Raum nur noch in verklausulierter Weise zuzulassen – gleichzeitig werden jedoch bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit die abendländischen Grundwerte gepriesen, ohne dass dabei bewusst gemacht wird, dass gerade diese auf einem tief christlichen Fundament basieren – eine populistische und unheilvolle Entwicklung, der entschieden entgegengewirkt werden muss.

Wie steht es mit Austritten aus der katholischen Kirchgemeinde Wil?

Fässler: Während meiner langjährigen Amtszeit konnte ich in der Beobachtung der gesellschaftlichen Entwicklung eine zunehmende Entfremdung und Distanzierung zu gesellschaftlichen Institutionen und zur Politik feststellen; eine Entwicklung, die sich nach und nach auch auf die «Institutionen der Kirche» übertragen hat. So mehrten sich die Kirchenaustritte im Laufe der Zeit; heute haben wir mit ca. 60 bis 70 Kirchenaustritten pro Jahr zu rechnen. Vielen Menschen wachsen heute in einem rein säkularisierten Umfeld auf, ohne Bindung zu Kirche und religiösen Grundwerten oder Vorbildern in der Familie – so sind viele Mitmenschen aus verschiedenartigen Gründen religiös apathisch, indifferent oder gar verbittert und rechtfertigen ihren Kirchenaustritt vordergründig mit der konservativen Haltung der Kirchenführung in Rom – der effektive Grund liegt jedoch meistens in einer über Jahre entwickelten persönlichen Entfremdung zur Kirche.

Dabei wird allzu oft vergessen, dass gerade die Kirche vor Ort eine offene und helfende Haltung zeigt und mit ihrem vielfältigen Wirken Werte für junge und ältere Menschen lebt und einbringt sowie soziale und geistige Grundhaltungen verficht, die sich gegenüber der zunehmenden Banalisierung von Lebensgestaltungen mittels einer Genuss-, Spass- und Konsumorientierung mit all ihren gesellschaftlichen und sozialen Folgebelastungen, die auf die Gesellschaft und nicht zuletzt auf die Kirche mit ihrer Sozialhaltung zurückfallen, wohltuend abhebt.

In die Amtsdauer fallen unzählige Meilensteine, die hier nicht alle aufgelistet werden können. Sie entwickelten unter anderem ein Organisations- und Führungsmodell für die Pfarr- und Kirchgemeinde.

Fässler: Die katholische Kirchgemeinde Wil mit ihren rund 120 fest- und nebenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem Budget von rund 8 Mio. Franken verlangt zeitgemässe und nachhaltige Strukturen und vor allem eine übergeordnete Leitidee bzw. Strategie als Orientierungspunkte. Aus diesen Gründen haben der Kirchenverwaltungsrat, das Seelsorgeteam und der Pfarreirat vor Jahren beschlossen, zusammen mit der Basis eine zukunftsorientierte Strategie zu entwickeln und gleichzeitig eine nachhaltige Organisations- und Führungsstruktur einzuführen. Ein höchst anspruchsvolles Unterfangen, das eine innere Bereitschaft, Toleranz, Kritikfähigkeit und Offenheit bedingte. Auf der Basis einer gemeinsam verabschiedeten Strategie und der damit verbundenen neuen Führungsstruktur wird heute die Pfarr- und Kirchgemeinde zur vollen Zufriedenheit aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geführt.

Wie sieht Ihr Engagement ab dem nächsten Jahr aus?

Fässler: Seit September 2011 bin ich als selbständiger Unternehmensberater vor allem in den Bereichen <Strategie- und Prozessmanagement> tätig. Ebenso engagiere ich mich als Verwaltungsrat in einer Unternehmung. Auf den 1. Januar 2012 wurde mir das Präsidium der Stiftung Schule St. Katharina, Wil, anvertraut. Der katholische Kirchenverwaltungsrat Wil und die Kirchenvorsteherschaft Rickenbach beabsichtigen eine Fusion und haben mich mit der Leitung der gemeindeübergreifenden Projektgruppe beauftragt.

Eine komplexe Aufgabe, die es in den nächsten Jahren zu erfüllen gilt. Schliesslich will ich mich zusammen mit meiner Frau vermehrt unseren Hobbies widmen und selbstbestimmend die uns geliehene Zeit sinn- und freudvoll nutzen.

Interview: pd