Dieser Spaziergang ist längst nicht fertig: Franz Hohler fasziniert wie eh und je

Franz Hohler las am Samstag in Wil und nahm die Zuhörer mit auf einen Spaziergang durch sein Gesamtwerk.

Christof Lampart
Hören
Drucken
Teilen
Franz Hohler im Kleintheater «Bühne am Gleis» in Wil: Das Publikum war begeistert.

Franz Hohler im Kleintheater «Bühne am Gleis» in Wil: Das Publikum war begeistert.

Bild: Christof Lampart

Gewiss: Franz Hohler hat an Jahren zugelegt, ist mittlerweile 77 und die Haare sind (noch) schütterer geworden. Und doch versteht es der Mann, der als einer der frühesten «Grünen» bereits in der ersten Hälfte der 1970er- Jahre vor der Umweltzerstörung warnte und in der tobenden Klimadebatte aktueller denn je wirkt, sein Publikum nach wie vor zu faszinieren. Seine Texte, die mahnenden wie auch die lustigen, sind zeitlos. Und bei Hohler scheint, von Äusserlichkeiten abgesehen, das Alter nur eine Zahl zu sein.

Mehr Etappenwanderung als Rundkurs

Dies mag unter anderem auch damit zusammenhängen, dass sein gleichermassen durch spontane Fabulierlust und durch von Empathie getragener Furor geprägtes Werk auch heute keineswegs abgeschlossen ist, sondern immer noch wächst und gedeiht. Franz Hohler arbeitet sich als Schriftsteller, Satiriker und Kabarettist nach wie vor intensiv an der Tagesaktualität ab. So wirkt denn auch sein «Spaziergang Gesamtwerk», das er am Samstagabend in der ausverkauften «Bühne am Gleis» in Wil gab, keineswegs wie eine perfekt durchgeplante Wanderung, sondern eher wie eine Bergtour, auf der es zahlreiche bekannte und schöne «Höhen» zu erklimmen galt, deren Ende aber keineswegs abzusehen ist.

Viele Highlight und viel Optimismus

Klar ist, dass bei einer solchen Highlight-Tour die ganz bekannten Texte nicht fehlen dürfen. Die pseudo-berndeutsche Kurzgeschichte «Ds Totemügerli» («Vom Seelenaussauger») war ebenso im Programm wie auch sein visionäres-apokalyptisches Poem «Der Weltuntergang» aus dem Jahr 1973 oder seine Umdichtung von Boris Vians «Le Déserteur», («Der Dienstverweigerer», 1983). Hinzu kamen ausgewählte Gedichte wie «Das Alter», mit dem Hohler seit einigen Jahren regelmässig seine Vorstellungen beginnt. Das Gedicht vermittelte die optimistische Botschaft, dass man trotz zunehmender Einschränkungen und abnehmender Lebenszeit sein Leben positiv gestalten kann.

Dass man sich ändern und zugleich lebenslang ein kritischer Geist sein kann, bewies er gleich zu Beginn, als er sein ältestes noch erhaltenes Gedicht, das überaus pathetisch-schwülstige «O mein Heimatland» («Da muss ich neun oder zehn Jahre alt gewesen sein, als ich es schrieb») vortrug. Dass es bis heute nicht veröffentlicht wurde, es aber in einem Programm, das sich «Spaziergang Gesamtwerk» nennt, nicht fehlen darf, leuchtete irgendwie ein.

Aufatmen nach kurzer Phase der Irritation

Denn das Gedicht offenbarte einen jungen Hohler, den man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. «Gell, das Gedicht würde hervorragend zur Albisgüetli-Tagung passen?», fragte Hohler ins Publikum, das zuvor kurz ob des soeben Gehörten leicht irritiert wirkte, nach der Erklärung aber spürbar erleichtert aufatmete.

Aber auch die Jüngsten kamen auf ihre Kosten, gehörte doch die Kindergeschichte «Made in Hongkong» ebenso zum Leseabend wie einige herzige Tiergedichte. Gerade hier zeigte sich, dass Hohler das Texten leichtfällt, gab er doch als Letztes ein Kürzest-Gedicht über einen Vogel zum Besten, der in Bronschhofen startend in den Süden ziehen möchte – es aber am Ende nur bis nach Wil schafft. «Das habe ich heute geschrieben», erklärte Hohler gut gelaunt. Dass er dies war, verwunderte niemanden, hatte ihm doch das Publikum zuvor minutenlangen Applaus gespendet.