Diese Nachricht schmeckt wie bitterer Kaffee – ein Blick zurück auf die Geschichte des Uzwiler Café Stalder

Restaurants und Cafés sind Treffpunkte. Doch es werden ihrer immer weniger. Die Nachricht vom baldigen Ende des «Stalder» schmeckt deshalb wie bitterer Kaffee

Philipp Stutz
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Das Café Stalder gilt als gediegenes Lokal mit freundlichem Service.

Das Café Stalder gilt als gediegenes Lokal mit freundlichem Service.

Bild: Hans Suter

Sich frühmorgens an eines der Tischchen setzen. Sich in aller Ruhe mit einem Espresso stärken und in die Lektüre der Zeitung vertiefen. Im Café Stalder ist es möglich. Hier herrscht eine angenehme Atmosphäre. Beinahe ein Ambiente, wie es nur die Kaffeehäuser in Wien vermitteln. Das Interieur im «Stalder» scheint mittlerweile zwar etwas altbacken, auch wenn das Café mal erneuert wurde. Doch das ist mittlerweile schon ein Weilchen her. Die Erinnerung verblasst, doch es ist klar: In Uzwils Zentrum hat’s schon immer ein Café mit Confiserie gegeben. Früher in einem Gebäude gleich nebenan, später dann im Wohn- und Geschäftshaus direkt an der Erlenhof-Kreuzung.

Gediegenes Lokal mit freundlicher Bedienung

«Stalder» gilt als gediegenes Lokal mit freundlicher Bedienung. Das sprach sich herum: Die Kundschaft rekrutiert sich aus der ganzen Region. Die Küche besitzt exzellenten Ruf. Mehrere Menüs stehen mittags zur Wahl. Als Supplement gibt es ein Dessert. Hinzu kommt der beliebte Sonntagsbrunch. Das Publikum: bunt gemischt. Frauen treffen sich gerne zum Kaffee und Gedankenaustausch, Vertreter zu Verhandlungen. An der Bar werden Tagesaktualitäten diskutiert. Werner Stalder, der das Lokal gegründet hat, hielt sich mit seinen Ansichten nicht zurück. So entwickelte sich manch friedlicher Disput mit Journalisten, die hier gerne einkehrten, als die «Wiler Zeitung» in Uzwil noch mit einer Redaktion präsent war.

Peter Müller war Stalders Wunsch-Nachfolger gewesen. Ein Fachmann durch und durch, der auch Konditoren-Confiseure ausbildete. Er hat das Lokal erfolgreich weitergeführt. Umso überraschender nun die Hiobsbotschaft. Das Café Stalder schliesst Ende November. «Eine Perle geht verloren», hat die «Wiler Zeitung» bereits bei der Schliessung des Cafés Schöntal in Wil vermeldet. Schon damals hatte Inhaber Peter Müller angekündigt, dass die Aufgabe des «Schöntals» den Betrieb in Uzwil tangieren werde. Denn in Uzwil produzierte man auch für den Zweigbetrieb in Wil. Die Kennzahlen waren schon seit einiger Zeit rückläufig gewesen, nun hat sich diese negative Entwicklung akzentuiert. «Der Verlust schmerzt», sagt ein Stammgast. «Ich habe mich hier wie zu Hause gefühlt.»

Die Erosion setzt sich unvermindert fort

Uzwils Zentrum steht vor einer Erneuerung. An der Lindenstrasse entsteht eine grosse Überbauung – die Bahnhofstrasse soll im Zuge der Zentrumsgestaltung umgestaltet werden. Doch die Erosion setzt sich unvermindert fort. So muss das Restaurant Harmonie einer Neuüberbauung weichen, ebenso die Clublokale der Italiener und Spanier. Was nach dem Wegzug der Migros mit dem Gebäude des einstigen Kaufhauses Schmid-Fischer geschieht, steht in den Sternen. Und auch das Lädelisterben ist in Uzwil ausgeprägt.

Restaurants und Cafés sind Treffpunkte. Doch es werden ihrer immer weniger. Die Nachricht vom baldigen Ende des «Stalder» schmeckt deshalb wie bitterer Kaffee. Ob das Lokal weitervermietet werden kann, ist zurzeit ungewiss. Doch der Trend zum Individualismus setzt sich generell fort. «Unsere Gesellschaft löst sich in kleine Teile auf und anonymisiert sich», hat Schriftsteller Peter Bichsel geschrieben: «Sie wird zu einer Société Anonyme.»

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