«Dies ist für lange Zeit mein letzter Flug»: Schülerin Anna Miotto kämpft für das Klima

Das Klimakollektiv Ostschweiz organisiert Streiks für das Weltklima. Mit dabei ist auch die Wiler Kantischülerin Anna Miotto. Im Interview erklärt sie ihre Überzeugungen – und die Schwierigkeiten, diese immer konsequent umzusetzen.

David Grob
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Zwei politische Kleber prangen auf rotem Grund: «Klimastreik!», «Make Love, not CO2» – ihr roter Cellokoffer vereint ihre beiden grossen Leidenschaften: der Kampf für eine nachhaltigere Klimapolitik und das Musizieren. Die 17-jährige Anna Miotto ist Teil des Klimakollektivs Ostschweiz, das seit Dezember immer wieder Schulstreiks gegen den Klimawandel organisiert.

Würden Sie sich als Klimaaktivistin bezeichnen?

Anna Miotto: Die Frage ist, was man als Aktivismus bezeichnet. Wenn es darum geht, seine Meinung offen zu sagen, an Demos teilzunehmen und sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, dann schon. Aber ich renne auch nicht herum und sage allen, ich sei eine Klimaaktivistin. Es ist mir einfach ein Anliegen, dieses Thema näher zu beleuchten.

Seit wann setzen Sie sich intensiver mit dem Klimawandel auseinander?

Es war schon immer ein Thema, das ich im Hinterkopf hatte. Es ist wohl auch den meisten bewusst, dass das Klima am Arsch ist. Und dass man nichts dazu beiträgt, wenn man fliegt oder Fleisch isst. Ich kann leider nicht von mir behaupten, in den letzten Jahren sehr selten geflogen zu sein, womit ich derzeit recht zu kämpfen habe. Um die Frage zu beantworten: Mit den Fakten zum Klimawandel beschäftige ich mich seit der Bewegung intensiver.

Wie versuchen Sie Ihre Anliegen umzusetzen?

Ich bin im Klimakollektiv Ostschweiz. Privat versuche ich möglichst achtsam zu leben, wobei der perfekte Lebensstil nur sehr schwierig zu erreichen ist. Ich esse deshalb kein Fleisch mehr.

Seit Sie sich intensiver mit dem Thema beschäftigen?

Nein, dies hat schon früher begonnen. Ich habe mir gesagt, wenn ich kein Tier umbringen könnte, dann möchte ich auch kein Fleisch essen. Dazu kommen die ökologischen Aspekte. Vor etwa einem Jahr habe ich begonnen, stärker darauf zu achten, weniger Fleisch zu essen. Und mich dann schliesslich etwa im Oktober vergangenen Jahres dafür entschieden, ganz auf den Fleischkonsum zu verzichten.

War die Umstellung schwierig?

Nein, nicht wahnsinnig. Ich habe ohnehin nicht so viel Fleisch gegessen. Es fiel mir deshalb nicht so schwer.

Was sind andere Bereiche, die schwierig umzusetzen sind?

Sicher ist Fliegen einer der wichtigsten Aspekte. Ich habe vor kurzem meinen ökologischen Fussabdruck berechnet, und es war erschreckend. Eine Frage zur Berechnung betrifft nämlich die Anzahl Flüge in den letzten Jahren. Wir waren mit dem Orchester vor einem Jahr in New York, was den Fussabdruck stark negativ beeinflusst. So wurde mir nochmals bewusst, wie gross der Einfluss des Fliegens ist. Ausserdem spielen wir mit dem Orchester im Sommer in der Botschaft in Aserbaidschan. Ich habe mir überlegt, zumindest den Rückweg mit dem Zug zurückzulegen, da die Hinreise noch während der Schulzeit ist und ich mit dem Zug eine ganze Woche fehlen würde. Da ich aber erst siebzehn bin und niemand anderes auch mit dem Zug zurückreist, ist meine Mutter gegen die Zugreise. Dieser Flug ist aber sicher der letzte für lange Zeit.

Gibt es weitere Bereiche, in denen Sie sich verbessern möchten?

Das Konsumverhalten kann man sicher immer verbessern. Zum Beispiel auch meine Apple-Produkte, die ich zurzeit noch benutze. Auch versuche ich vermehrt bei meinem Kleiderkauf auf Nachhaltigkeit zu achten. Es gab früher Zeiten, in denen ich gerne shoppen ging. Heute brauche ich das nicht mehr. Ich gehe beispielsweise auch gerne ins Brocki, um Kleider zu kaufen. Das eigene Essverhalten kann man natürlich auch immer noch verbessern.

Sie sind aber keine Veganerin. Wäre dies der nächste Schritt?

Momentan wohne ich noch bei den Eltern. Für meine Mutter ist es kein Problem, dass ich kein Fleisch esse. Aber eine vegane Ernährung wäre wohl ein ziemlicher Schritt für sie. Und für mich natürlich auch. Ich esse gern Käse und habe gerne Rahm im Essen. Ich mache keine Versprechungen, aber ich könnte mir Veganismus vorstellen, sobald ich ausgezogen bin und in Zürich wohne.

Kann die Klimabewegung tatsächlich eine Veränderung bewirken?

Absolut, das glaube ich. Zum einen haben bereits frühere Streiks etwas bewegt. Und zum anderen, wenn ich sehe, was wir bereits erreicht haben. Es sind noch keine grossen Veränderungen, aber doch kleine Schritte. Zum Beispiel der Klimanotstand, den die Kantone Basel Land und Basel Stadt ausgerufen haben. Und wir haben weiterhin die mediale Aufmerksamkeit. Ich hoffe, dass grosse Länder und Konzerne mit der Zeit auch begreifen, dass ein nachhaltiger Umgang mit dem Klima für sie besser ist, anstatt mit den Auswirkungen des Klimawandels leben zu müssen.

Wie viele Schülerinnen und Schüler der Kanti Wil nehmen an den Protesten teil?

Es sind 15 bis 20 Personen, die jedes Mal teilnehmen. Wir demonstrieren jeweils in St. Gallen. An eine Demo in Wil haben wir auch schon gedacht, aber das Zeichen ist stärker, wenn mehr Leute teilnehmen. Anfang Februar waren wir rund 2000 Demonstranten. Das macht schon Eindruck.

Es gibt unentschuldigte Absenzen fürs Streiken: Behindert die Schulleitung Ihr Anliegen?

Dies wurde vom Bildungsdepartement entschieden. Der Kanti Wil sind somit die Hände gebunden. Wir haben ein gutes Verhältnis mit der Schulleitung und bereits einige Gespräche geführt. Wir arbeiten momentan gemeinsam daran, ein Podium zum Thema Klima zu organisieren.

Sie sind im Vorstand der regionalen Juso. Warum sind Sie politisch aktiv?

Weil es viele Missstände gibt, die ich bekämpfen möchte. Und in der Schweiz hat man glücklicherweise viele Möglichkeiten, etwas zu bewirken.

Was sind Ihrer Meinung nach die grössten Missstände nebst dem Klimawandel?

Ich möchte, dass unsere Gesellschaft sozialer wird. Die Gleichstellung muss endlich erreicht werden. Und dass Homosexuelle beispielsweise immer noch nicht heiraten dürfen, finde ich schon einen ziemlich grossen Missstand.

Nebst Klimapolitik beschäftigt Sie Musik sehr.

Genau, ich habe mir auch kurz überlegt, Musik zu studieren. Das Orchester, in dem ich spiele, nimmt einen grossen Teil meiner Zeit in Anspruch. Und das mache ich sehr gerne. Wir gehen bald in ein Musiklager, wo ich mich ganz dem Cello widmen kann. Musik und Politik sind meine wichtigsten zwei Hobbys.

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