Die zweite Heimat ist verloren: Gäste nehmen Abschied von der Degersheimer «Mühle»

Die Stunden der Degersheimer «Mühle» sind gezählt. Sie wird abgebrochen. Mit Sound und Bier nahmen die Gäste Abschied vom Lokal.

Michael Hug
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Der Groove von einst: DJ Lap legte am Samstag die Musik von damals auf.

Der Groove von einst: DJ Lap legte am Samstag die Musik von damals auf.

Bild: Michael Hug

«Ach, da könnte ich viel erzählen», sagt der Mann mit der Bratwurst in der Hand. Aber seinen Namen in der Zeitung lesen will er nicht:

«Weisst du, die ‹Mühle› war so etwas wie meine zweite Heimat, manchmal auch die erste.»

Dann, wenn er den Heimweg nicht mehr gefunden hat oder erst viel, viel später, als es schon längst wieder hell war. Das war damals, als es am Samstagabend Musik gab in der «Mühle», lange bevor es zum Dancing wurde, als «Remi» Platten auflegte und man es einfach «geil» fand, obwohl das Wort noch nicht in aller Munde war und eine andere Bedeutung hatte.

Als Mutter nicht auf dem Handy anrief

Die zweite Heimat galt aber nicht nur am Wochenende. Ein anderer, älterer Herr und Gast an der «Uusdrinkete» vom Samstag meint:

«Wir sind oft am Feierabend noch in die ‹Mühle› gegangen und nicht so schnell wieder herausgekommen.»

Es gab noch keine Handys zum Glück und niemand konnte einem den Entzug des Abendessens androhen – oder ähnliche, wirkungslose Strafen. «Aber wir sind immer am nächsten Tag toppünktlich wieder arbeiten gegangen, da kannten wir dann nichts.» Wer herumhocken kann, der kann auch arbeiten. Kein Thema. Man(n) hatte noch Pflichtbewusstsein, aber man wusste auch zu feiern, wenn es sich ergab, und das tat man zünftig, bis kein Geld mehr in den Hosensäcken war.

Die Mutter für alle

Es ergab sich halt oft. Nie gabs keinen Grund, nicht lange zu bleiben. Wesentlichen Anteil hatte Mägi, die letzte Wirtin. «Mägi war wie eine Mutter für alle», sagt ein dritter, und seine heutige Frau, die damals auch oft dabei war, sagt: «Ja das war sie. Sie hatte viel Geduld mit uns und liess vieles durch, was man sich in anderen Beizen nicht erlauben konnte.»

Die Jungen, «Töfflibuebe», wie man sich selbst nannte, tranken schon damals Bier und manchmal auch zu viel und kein Gesetz hinderte sie daran, ebenso wenig am Rauchen und Kiffen, wobei man das eher im Versteckten machte. Danach schwang man sich in den Sattel oder prügelte sich mit einer Töfflibande von auswärts. Eine zweite Heimat, das sagt auch der heute Fünfundfünfzigjährige, damals Dreissigjährige, war sie auch für ihn, die «Mühle», obwohl er nur drei Schritte entfernt gewohnt hatte:

«Sie war meine Stube, ich glaube ich war mehr da als daheim.»

Schöne Erinnerungen im Kopf

Heute sind diese Degersheimerinnen und Degersheimer gestandene Unternehmer, selbst Wirte oder gewesene, Studierte oder Handwerker. Manche und mancher ist zwar nicht mehr im Dorf Zuhause, aber mit vielen schönen, süssen oder schlechten Erinnerungen im Kopf am Samstag zur «Uusdrinkete» gekommen. Die allerletzte Chance, nochmals in den Emotionen zu schwelgen, nochmals die Musik von damals zu hören, lauter als je zuvor und Bier zu trinken, viel Bier und das die ganze, lange, letzte Nacht.

Dorfschreiner Martin Roth hatte die «Mühle» vor ein paar Jahren gekauft. So wie sie war, heruntergekommen, versifft, voller alter Möbel, Gerümpel und Erinnerungen, und er hatte versprochen, den Groove von damals nochmals aufleben zu lassen, alle von damals noch einmal zu sehen.

Ohne Nümmerli ging nichts

Fast aber wäre die «Uusdrinkete» den nur 24 Stunden zuvor erlassenen Virus-Gesetzen zum Opfer gefallen. Doch eine zweite Chance gab es nicht, sagt Roth. «Am Montag wird mit dem Rückbau begonnen, zwei Wochen später ist die ‹Mühle› weg, dann gibt es nichts mehr zu feiern.»

Roth hatte noch eine Stunde nach der Pressekonferenz des Bundesrates die zündende Idee: «50 Leute darf ich reinlassen und der Rest muss draussen warten. Um das zu gewährleisten, nimmt jeder, der reinkommt, eine Nummer vom Brett und steckt sie sich in den Hosensack. Und wenn er geht, hängt er die Nummer wieder ans Brett, da konnte sie dann der Nächste nehmen.» Ohne Nümmerli geht gar nichts, wie bei der Post oder beim Einwohneramt. Seltsame Zeiten sind das geworden. Aber eben, nichts ist mehr, wie es war, auch die «Mühle» ist nicht mehr.

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