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Die Zunge

Fritz Studli

«Fritz, du solltest nicht noch mehr Fleisch essen, sondern weniger, denk an deine Gesundheit.» Die Mahnungen seiner Gattin klingen Studli ebenso in den Ohren wie jene des Arztes: «Achten Sie auf Ihre Ernährung.» Nun sitzt er im Niederuzwiler «Landhaus». Hier, wo er zuweilen zu später Stunde bei einem Absacker mit dem jungen, initiativen Wirt Luke diskutiert. An diesem Abend ist die Gaststube gut besetzt, der Lärmpegel hoch. Studli studiert die Speisekarte – was heisst studiert: er liest sie rauf und runter. Am liebsten würde er sich einmal durch die Karte essen: Metzgete. Einen ganzen Monat lang. Rippli, Blut- und Leberwurst, Kotelett, Bauchspeck - ja sogar Zunge.

Doch da ist dieser lähmende Widerstreit von Gefühlen, von Gedanken in ihm, trotz aller Fleischeslust: Der Mensch ist immer beides, denkt Studli, vernunftgeleiteter Geist, eigensinniger Körper, Genie und Tier, zum Guten berufen und zum Bösen fähig, rational und triebhaft zugleich. Niemand kann heute mehr guten Gewissens ein Pfund Hackfleisch kaufen, ohne zu ignorieren, unter welchen Bedingungen dies produziert worden ist. «Bewusstseinsmachungen sind irreversibel», hatte Studli einst bei Peter Sloterdijk gelesen.

Aber handeln wir immer danach, was wir wissen? Rauchen ist tödlich: Das steht auch auf den Packungen von Studlis heiss geliebten Villiger Krummen. Rauchte er deshalb eine einzige weniger? Und diese ganze neumodische Attitüde, sich übers Essen zu definieren, oft vorgetragen im Gestus der moralischen Überlegenheit. Vegetarier, Veganer, Flexitarier, der Kult um die richtige Ernährung. Die Politik auf dem Teller, der Zwang zum Bekenntnis: Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist! Hitler war Vegetarier, und – Studli muss sich bremsen. Er merkt, wie er, der stets die Grautöne betont, der stets die Widersprüchlichkeit verteidigt, wie er versucht ist, in Schwarz-Weiss zu denken. Dabei weiss er es besser; in den vielen Jahren als Journalist hat er Schlachthöfe besichtigt, in der Micarna in Bazenheid probehalber mitangepackt.

«Ich liebe Würste, aber ich esse sie nicht»: Dieser Satz von Jonathan Franzen imponiert ihm – oder besser: die Haltung dahinter. Zuzugeben, dass man etwas begehrt, das man sich aber aus guten Gründen verwehrt: Ist das nicht achtenswert? Ist das Leben nicht ein dauerndes Ambivalenztraining, das Aushalten von Widersprüchen, auch wenn sie durch den eigenen hungrigen Magen gehen? Einkaufen ist politisch, Essen ist politisch, ob wir das nun gut finden oder nicht.

Studli seufzt auf. Sein Bauch will das eine, sein Kopf das andere. Er bestellt schliesslich die Zunge.

Fritz Studli ist Journalist im Ruhestand und kommentiert in loser Folge das Lokalgeschehen.

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