Die Zukunft der Technischen Betriebe Wil ist grün – Das Energieangebot ist auf einem klaren Kurs

Mit dem geplanten Fernwärmenetz wollen die TBW erneuerbare Energien stärker unterstützen. Auch das Gasangebot soll sich verändern.

Vera Minder
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Stadtrat Daniel Meili (links) und TBW-Leiter Marco Huwiler vor dem Plan, der die Areale zeigt, die an das Fernwärmenetz angeschlossen werden sollen.

Stadtrat Daniel Meili (links) und TBW-Leiter Marco Huwiler vor dem Plan, der die Areale zeigt, die an das Fernwärmenetz angeschlossen werden sollen.

Bild: Vera Minder

Die Technischen Betriebe Wil (TBW) versorgen das Gemeindegebiet Wil mit Strom und Wasser, 13 weitere Gemeinden mit Gas und ganze 34 mit Kommunikationsdienstleistungen. Sechs Millionen Franken zahlen sie jährlich in die Stadtkasse, das sind fast zwölf Steuerprozent. Nun wird ein Fernwärmenetz geplant. Steht das Projekt in Konkurrenz zum Gasgeschäft der TBW?

In den thermischen Anlagen des Zweckverbands Abfallverwertung Bazenheid (ZAB) wird tagtäglich Wärme produziert – und die kann genutzt werden. Die Regionalwerk Toggenburg AG baute bereits vor drei Jahren ein Fernwärmenetz in Bazenheid. Nun soll auch Wil dazukommen. In Leitungen soll das in der Anlage erhitzte Wasser bis in die Stadt transportiert werden. Der Plan: Grosse Teile von Wil mit Fernwärme versorgen, um nachhaltige Energien zu unterstützen. Rund 6,6 Millionen Liter Heizöl sollen in der Stadt Wil dank Fernwärme pro Jahr gespart werden, das entspricht einer Menge von zirka 165 gefüllten Lastwagen. Mehr als 17000 Tonnen CO2 könnten so reduziert werden.

Auftauchen wird das Projekt in den Zahlen der TBW. «Sie werden das Netz planen, budgetieren und zugleich finanzieren sowie mit Dritten bauen. Vorausgesetzt, die zuständigen Instanzen stimmen zu», erklärt der zuständige Stadtrat Daniel Meili.

Leitungen müssen erst noch verlegt werden

Die Detailplanung der Fernwärme startete 2018 und ist nun in der Endphase der Projektierung. Im zweiten Quartal dieses Jahres soll sie dem Stadtparlament vorgelegt werden. Für das Projekt muss ein Kredit von fast 55 Millionen Franken freigesprochen werden.

Zwischen dem ZAB Bazenheid und Wil muss nämlich erst noch eine Leitung gebaut werden. Diese wird ab der südlichen Stadtgrenze in zwei Ästen nach Westen und Osten in Richtung der beiden zentralen Hauptabnehmer Psychiatrie St.Gallen Nord und Spital geführt. Parallel dazu soll das Netz verdichtet werden. Stadtteile wie die Altstadt werden nicht ans Netz angeschlossen, das Aufreissen der Strassen lohnt sich technisch und wirtschaftlich nicht.

Idealerweise arbeiten zwei Teams an den Verlegungen, eines inner- und eines ausserorts. Falls nichts dazwischen kommt, könnte das Fernwärmenetz auf die Heizperiode 2022/23 in Betrieb genommen werden. Für die Abnehmer soll die Fernwärme voraussichtlich zwischen 10,5 und 12,5 Rappen pro Kilowattstunde kosten. Dazu kommt eine einmalige Anschlussgebühr. Fernwärme kommt somit teurer als fossiles Erdgas mit 9,75 Rappen pro Kilowattstunde.

Zum bisherigen Gasangebot der TBW soll sich nun also die Fernwärme gesellen. Das Absatzpotenzial des Wärmebedarfs im festgelegten Perimeter liegt bei rund 69 Gigawattstunden. 40 davon sollen laut Planzahlen zukünftig mit Fernwärme statt Gas gedeckt werden. Die fast 58 Prozent bedeuten allerdings keinen erheblichen finanziellen Verlust, da so nur eine Verschiebung der Art des Ertrages vorliegt. Zudem beträgt der Gesamtabsatz des Gases pro Jahr im gesamten Gebiet durchschnittlich 400 Gigawattstunden. Die 40 in der Stadt Wil, die ersetzt werden, machen also total nur 10 Prozent aus. «Wir rechnen ausser den Anfangsinvestitionen, nicht mit einem Minderertrag», stellt Geschäftsleiter Marco Huwiler klar. Dabei müssten allerdings die unterschiedlichen Abschreibungssituationen mitberücksichtigt werden.

Klare Klimaziele

Zurückbauen wollen die TBW das Gasangebot nicht. Ganz gleich soll es jedoch nicht bleiben. Auch hier setzt man auf Nachhaltigkeit. Statt Erdgas wird sich das Angebot auf klimaneutrales Bio- und zukünftig auf Power-to-Gas verschieben.

Ersteres entsteht bei der Vergärung organischer Stoffe, Letzteres ist eine erneuerbare «Fälschung» von Erdgas. Ökologische Stromvarianten wie Solar oder Wind können je nach Wetter und Jahreszeit das Stromnetz ins Schwanken bringen. Diese Überschüsse können nicht gespeichert werden, sollen aber dafür zu Power-to-Gas verwertet werden.

Die Stadt Wil hat ein klares Energiekonzept, erklärt Meili. Schliesslich sei offiziell der Klimanotstand ausgerufen worden. Es sei ihr Auftrag, die Ökologisierung voranzutreiben und Verantwortung zu übernehmen.

«Die TBW als städtisches Unternehmen haben die Aufgabe und Möglichkeit in unsere Zukunft zu investieren. Wir nehmen das als Privileg wahr.»

Die Technischen Betriebe haben eine Geschichte mit klimafreundlichen Änderungsversuchen. «Schon vor dem Trend haben wir uns mit der Aufnahme von Biogas ins Angebot getraut, was niemand sonst tat.» Da die politische und gesellschaftliche Unterstützung noch gefehlt habe, seien viele Projekte nur aufgegleist worden, konnten jedoch nicht umgesetzt werden. «Aber wir haben bewiesen, dass wir es ernst meinen», findet Meili.

Bereits seit 2018 sind 20 Prozent Biogas als Standardprodukt dem Gassystem beigemischt. In der Stadtparlamentssitzung zum Klimanotstand im Mai wurde beschlossen, dass bis 2030 alle städtischen Liegenschaften mit 100 Prozent erneuerbaren Energien versorgt werden müssen und bis 2050 die gesamte Stadt, samt Mobilität. Spätestens dann fällt die Option der fossilen Gase weg. Gasbezüger, die also gegenwärtig noch nicht den Biogas-Preis bezahlen, werden in einigen Jahren wohl nicht um die Entscheidung umher kommen.

Beeinflusst durch Bundesrat und Greta

Politik funktioniert wie eine Kettenreaktion: Das Volk macht Druck, die Regierung reagiert, Gesetze werden erlassen, Unternehmen müssen sich anpassen. So auch in der Klimadiskussion.

Laut Huwiler sind die Bemühungen der Klimajugend nicht umsonst. «Die Klimajugend macht das, was die TBW für die Realisierung von Projekten brauchen: Akzeptanz in der Gesellschaft schaffen. Sie helfen uns zwar nicht, die Projekte zu initiieren, aber sie schaffen die nötige Grundlage auf der Seite der Abnehmer.» Fünf Jahre zuvor seien ökologische Konzepte noch auf Unverständnis gestossen, nun sprächen die Kunden darauf an.

Huwiler würde gerne mehr mit den jungen Aktivisten und Aktivistinnen zusammenarbeiten. «Es geht darum, das Problem gemeinsam zu lösen, ihre Forderungen kundenreif zu machen, aber ihnen auch zu zeigen, dass nicht nur das Verbot, sondern der Wechsel unterstützt werden muss.»

Die Tendenz in Richtung Klimaschutz ist da. Zwar seien Öl- und Gaspreise gegenwärtig tief, so Huwiler, aber die Energiepreise würden sicher steigen. Also lohnt es sich allgemein für Firmen, jetzt schon ökologisch umzustellen? Finanziell lasse sich das nur schwer aufrechnen, aber es mache Sinn, erklärt Huwiler. Kommen die entsprechenden Gesetze, seien die TBW beispielsweise schon angepasst.

Eine grosse Herausforderung bei der Ökologisierung des Energiesystems ist laut Huwiler die geplante Marktöffnung. Bei der Liberalisierung des Strom- und Gasmarktes können Abnehmer, trotz städtischer Bemühungen für erneuerbare Möglichkeiten, auf billigere, unökologische Energieangebote von Drittanbietern ausweichen. Die Lösung liegt beim Bund: Da er die CO2-Abgabe mittelfristig anpassen wird, werden fossile Energien damit «künstlich unattraktiv» gemacht.