Die Wunderwelt von Weihnachten entdecken

Sie gehören wie das Amen in der Kirche zum Kanon der schönen, lieb gewonnenen Traditionen: die Weihnachtsmärkte. Auch in unserer Region gibt es etliche. Und einige davon sind wunderschön. Wie beispielsweise jene in Wil und Rickenbach.

Christof Lampart
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Der Esel lässt nicht nur Kinderherzen höher schlagen.

Der Esel lässt nicht nur Kinderherzen höher schlagen.

Derjenige der Kantonalen Psychiatrischen Dienste Sektor Nord (KPD-SN) in Wil ist schon seit Jahrzehnten für viele Menschen ein unbestreitbarer Höhepunkt. Ganz egal, ob sie Patientinnen oder Patienten, Angestellte oder Besuchende sind. Manch eine Besucherin, wie Maria aus Bichelsee, hat sich nicht nur den Termin rot im Kalender angestrichen, sondern sogar die Öffnungszeiten, denn: «Hier kriege ich immer wunderschöne, handgemachte Karten zu einem guten Preis; doch wenn ich erst am frühen Nachmittag komme, dann sind die Schönsten bereits weg.» Darüber hinaus sei es einfach schön, als eine der Ersten sich alles in Ruhe anschauen zu können, wenn das Gedränge noch nicht so gross sei.

Stressbewältigung beim Eselgehege

Doch auch wer es nicht so gerne im dichten Menschenpulk steht, findet hier – dem grossen Gelände sei Dank – überall willkommene kleine Nischen, in denen man die vielfältigen Eindrücke ein wenig sacken lassen kann. Die Älteren beim Schwatz am Crêpe-Stand, die jüngsten bei einer gemächlichen Fahrt auf dem Karussell. Auch beim Streicheln und Füttern der sauber herausgeputzten Esel lässt sich der gerade soeben erlebte Stress hervorragend bewältigen. Wie beim kleinen Marco aus Wil, der wenige Augenblicke zuvor beim Samichlaus keinen Ton herausgebracht hat. «Das war heute wohl für ihn alles ein bisschen viel», lacht die Mama. Und der bärtige Nikolaus nickt verstehend.

Noch nicht ganz so wie in Australien

Biberherzen verzieren – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Biberherzen verzieren – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Dass für einmal kein Schnee liegt und die Temperaturen mehr frühlings- denn winterhaft sind, daran hat man sich nach dem überaus warmen Jahr 2018 schon ein wenig gewöhnt. Dennoch gehört für viele eine puderzuckerweisse Landschaft zumindest in ihren Vorstellungen zu einem Adventsmarkt. Ob das für die zukünftigen Generationen noch so sein wird? Dies bezweifelt zumindest Albert aus Wil: «Die Klimaerwärmung wird in wenigen Jahren soweit fortgeschritten sein, dass weisse Tage im Dezember selten sein werden», prophezeit er. Die Lust auf Weihnachtsgebäck und Rumpunsch will er sich jedoch nicht nehmen lassen: «Die Australier feiern Weihnachten ja auch am Strand – und so weit sind wir noch lange nicht», grinst er.
Die Weite eines Bondi Beach ist auch drei Kilometer weiter südlich, beim Pendant in Rickenbach, nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil: Der hiesige Weihnachtsmarkt gibt sich heimelig-kompakt. Eine grosse Anzahl an weihnachtlichen und sonstigen Produkten wird an Ständen, die beidseitig die enge Kirchgasse säumen und somit sozusagen Spalier stehen fürs Gotteshaus, das sich am Ende der Gasse befindet, feilgeboten. Oben, am Platz vor der Dorfkirche St. Verena, treten Chöre und Musikbands auf. In wenigen Minuten wird in der Kirche ein Familiengottesdienst abgehalten, derweil die örtliche «Harmonie» Kekse und Suppe für den eigenen Musikanten-Nachwuchs verkauft. Im Zelt gehen Kinder und Erwachsene mit Begeisterung dem Kerzenziehen nach. Zur selben Zeit verteidigt ein riesiges Mutterschaf beim Streichelzoo ihren Nachwuchs gegen einen neugierigen Vizsla, indem es einmal kräftig blökt und somit unmissverständlich verdeutlich macht, wer hier das Sagen hat. Der geschmeidige Jagdhund zieht den Schwanz ein und verzieht sich mit seinem Herrchen in der Menge.

Eine halbe Stunde und noch etwas länger

Der Besuch von Samichlaus und Schmutzli mit dem Esel ist am Weihnachtsmarkt Rickenbach ein fester Programmpunkt. (Bild: Christof Lampart)

Der Besuch von Samichlaus und Schmutzli mit dem Esel ist am Weihnachtsmarkt Rickenbach ein fester Programmpunkt. (Bild: Christof Lampart)

Da nur wenig Platz zum Flanieren bleibt, herrscht hier bald ein dichtes Gedränge, das aber keineswegs unangenehm wirkt. Vielmehr kommt hier eine Art Basargefühl auf. Wer hier für sich allein sein möchte, ist schlicht fehl am Platz – oder muss dann kommen, wenn der Weihnachtsmarkt noch nicht geöffnet hat. Oder wie Sarah aus Wilen ihn charakterisiert: «Hier läufst du einmal hoch und einmal runter, geniesst eine Wurst, einen Punsch und hörst kurz einer Musik zu. In einer halben Stunde hat man so fast alles gesehen – und hat doch das Gefühl, dass man in dieser Zeit sehr viel unternommen hat».
Nach Hause geht es nach dieser «Schnellbleiche» jedoch noch lange nicht, wie Sarah verrät. «Ich mache hier immer mit ein paar Kolleginnen ab, und dann hängen wir noch ein bisschen ab und geniessen das Drumherum bei einem oder zwei Gläsern Glühwein. Der eigentliche Weihnachtsmarkt hat für mich erst jetzt gerade angefangen.»