«Die wollen uns doch gar nicht»

Die Idee einer Fusion zwischen Flawil, Degersheim und Gossau berührt weder die Flawiler noch die Degersheimer Bevölkerung gross. Ganz allgemein geht man nicht davon aus, dass aus der Idee je einmal Realität wird.

Merken
Drucken
Teilen
Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL

Dass die Flawiler tendenziell eher Interesse zeigen, was östlich von ihrer Gemeinde läuft, ist nicht erst seit gestern bekannt. Dass Degersheim schon immer lieber mit Herisau flirtet als mit den ungeliebten Flawilern, ist bei der Strassenumfrage in den beiden Gemeinden ebenfalls herausgekommen. Dass Flawil, Degersheim und Gossau einmal heiraten könnten, kann sich aufgrund der bestehenden Situation kaum jemand vorstellen. Niemand will die Eigenständigkeit aufgeben.

Tolerant und einer neuen Idee stets aufgeschlossen gibt sich zwar Werner Bösch aus Flawil. Er meint, dass Fusionen dann durchaus sinnvoll sein können, wenn alle Parteien davon profitieren. «Weil die drei Gemeinden jedoch derart verschieden konzipiert sind, sehe ich eher schwarz für ein solches Unterfangen.»

Werner Bösch, Flawil

Bösch kann sich auch nicht vorstellen, dass die Stadt Gossau Interesse haben könnte, die kleinen und «ungesunden» Flawiler und Degersheimer in die Arme zu schliessen.

Ganz allgemein kam bei der Strassenumfrage zutage, dass zwar fast alle von der Fusions-Idee einmal etwas gehört haben. So richtig mit der Thematik hat sich aber noch niemand befasst.

Auch Helena Kramer aus Flawil nicht, die sich vor allem nicht vorstellen könnte, mit Degersheim gemeinsam etwas zu unternehmen. «Dann stünde es um uns Flawiler wirklich schlimm.» Zudem könne sie sich nicht vorstellen, dass Gossau je einmal mit Flawil und Degersheim fusionieren möchte. «Wer bereit ist zu fusionieren, will auch profitieren.» Helena Kramer findet es zudem nicht

Helena Kramer, Flawil

gut, dass immer alle noch grösser werden wollen. Dabei gehe viel an Eigenständigkeit verloren.

Überhaupt kein Interesse an diesem Thema zeigte zuerst Karl Schmid aus Flawil, um dann doch noch ein paar Gedanken laut werden zu lassen: «Wenn wir dank einer Fusion mit Gossau weniger Steuern zahlen müssten, wäre dies ja noch interessant. Doch die da oben würden uns das eingesparte Geld einfach auf eine andere Art wieder zurückholen.»

Karl Schmid, Flawil

Steuer- und Jassschulden seien in Flawil sowieso Ehrenschulden und so zähle dieses Argument nicht. Karl Schmid brachte auch noch ein Thema aufs Tapet, das bis anhin noch nicht diskutiert wurde. «Bei solch einer Fusion ist zudem die Gefahr gross, dass Arbeitsplätze verlorengehen. Und das ist im Moment das allerletzte, was wir uns wünschen.»

Gerne nach Gossau oder in die AFG Arena in Winkeln-St. Gallen einkaufen geht Cornelia Riedener aus Flawil. Wenn wegen einer Fusion zwischen Gossau und Flawil künftig ein Postauto fahren würde, könnte sie sich ein Zusammengehen der drei Gemeinden vorstellen: «Die Strecke Gossau–Degersheim hat bereits eine Postautolinie.» Cornelia Riedener fährt kein Auto und verlässt sich deshalb auf den öffentlichen Verkehr. Und sie meint: «Mit dem Zug ist es oft umständlich, nach Gossau oder Winkeln zu kommen.»

Cornelia Riedener, Flawil

Cornelia Riedener hat vergangene Woche erstmals von der Anfrage zur Fusion gehört und sofort an eine verbesserte Postauto-Verbindung gedacht. Für sie wäre das ein guter Grund, eine mögliche Fusion mit Gossau zu befürworten. Mit anderen Aspekten habe sie sich jedoch bisher noch nicht befasst. Bis so ein Unterfangen zustande käme, fliesse sowieso noch viel Wasser den Fluss hinunter.

Obwohl der Ursprung der Idee zu einer Fusion an einer Bürgerversammlung in Degersheim erstmals laut wurde, kann Guido Senn so einem Unterfangen nichts abgewinnen. «Chancenlos, das müssen wir gar nicht diskutieren, das kommt sowieso viel zu spät», hatte Senn eine klare Meinung zu diesem Thema.

Der Vater eines Gemeinderats würde auch die Flawiler nicht begreifen, wenn diese mit Gossau fusionieren würden, obwohl sich diese beiden Gemeinden näher stehen.

Guido Senn, Degersheim

«Aber auch die beiden kommen nicht zusammen. Die Stadt Gossau hat schon genug eigene Probleme.»

Wenn auch nicht aus der Sicht eines Einwohners, sondern «nur» eines Gewerbetreibenden in Degersheim, nahm Marcel Büchler Stellung zum Thema. «Ich weiss, fusionieren ist modern. Aber ist es auch gut?» Büchler sieht in der Eigenständigkeit Degersheims den grösseren Nutzen. «Man muss dann nicht immer jemanden fragen, um etwas zu bekommen.» Gossau würde bei einer allfälligen Fusion mit Flawil und Degersheim garantiert den Lead

Marcel Büchler, St. Peterzell

übernehmen, und das wiederum würde die anderen beiden Gemeinden kaum befriedigen. «Nicht vergessen darf man die Arbeitsplatz-Gefahr bei Ämtern, Bank und Post. Diese besteht dann, wenn alles zusammengelegt wird.»

Er müsste sich in seinem Alter zu diesem Thema eigentlich keine Gedanken mehr machen, meinte der 80jährige Heinrich Weiss. Aber er hat dennoch eine Meinung: «Wir Degersheimer befinden uns finanziell in einem Loch und sind so unattraktiv. Das gilt eigentlich auch für Flawil. Diese sind den Gossauern aber zumindest räumlich näher als wir.» Degersheim wäre deshalb besser beraten, sich mit Herisau zusammenzutun.

Heinrich Weiss, Degersheim

Aber auch er wisse natürlich, dass dies über die Kantonsgrenze hinaus nicht so einfach möglich sei und deshalb die Ausgangslage für Degersheim auch mit solch einer Lösung nicht besser würde.

Zweimal hat bisher Alois Schweizer etwas vom Fusions-Thema gehört und sich so bereits eine Meinung bilden können. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gossau Interesse zeigt zu fusionieren. Wer will schon zwei Kran-

Alois Schweizer, Degersheim

ke übernehmen?» Am ehesten könnte Flawil für Gossau interessant sein. «Damit könnten die Gossauer ihr Abwasserproblem lösen.» Was Degersheim anbelangt, so ist Schweizer der Ansicht, dass diese Gemeinde zuerst mit sich selber zurecht kommen und vor allem seine Probleme selber lösen müsse.

Bilder und Text: Urs Nobel

Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL

Bild: URS NOBEL