Die Wogen gehen hoch

Das Hallenbad Degersheim soll aus Spargründen geschlossen werden. Die Anbieter medizinischer und sportlicher Trainings bedauern das sehr. Sie sehen jedoch ein, dass die Zahlen für sich sprechen – und haben Ideen für Alternativen.

Mario Fuchs
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Alice Aerne leitet im Hallenbad Degersheim Aqua-Gym-Kurse. Sie sagt: «Ich verliere meinen Job, aber meine Leute verlieren ihre Bewegung.» (Bild: pd)

Alice Aerne leitet im Hallenbad Degersheim Aqua-Gym-Kurse. Sie sagt: «Ich verliere meinen Job, aber meine Leute verlieren ihre Bewegung.» (Bild: pd)

DEGERSHEIM. Finanziell verdient hat die Gemeinde Degersheim am Hallenbad nie (Zahlen siehe Kasten). Jetzt muss sie dringend sparen, der Minusposten soll gestrichen werden. Nur: Für viele Einwohner ist das Bad trotz Sanierungsbedarf von Kasse und Gebäude ein grosser Gewinn. Babies werden im Kurs von Patricia Döring ans Wasser gewöhnt. Kinder besuchen die Schwimmschule von Atiya Celik. Spätestens in der Primarschule lernen alle schwimmen – während der Schulzeit. Wer Spass im Wasser hat, trainiert in der Freizeit in der Schwimmgruppe von Peter Stalder. Ältere Semester schätzen das «Sennrüti»-Bassin als Ort für gelenkschonendes Training: Aquagym mit Alice Aerne, Aquamed und Aquatraining mit Caroline Ligterink, Aquawell mit der Rheumaliga. Auch die Bewohner der Stiftung Säntisblick freuen sich jede Woche auf das nasse Vergnügen.

«Es geht mir um die Gesundheit»

So gehen jetzt, da die Gemeinde die Schliessung beantragt, die Wogen im Dorf mancherorts hoch. An Stammtischen und Parteiversammlungen werden emotionale Diskussionen geführt (vgl. Text unten). Einige der Gruppen, die das Wasser regelmässig nutzen, schreiben in einem Leserbrief: Man habe die Nachricht «tiefst bestürzt» aufgefasst. «Ja, die Zahlen sprechen für sich», sagt Mitunterzeichnerin Alice Aerne, «aber muss man wieder bei der Gesundheit sparen?» Ihre Kunden haben künstliche Gelenke oder schwere Krankheiten wie Fibromyalgie.

Für einige sei das wöchentliche Aquafit die letzte Lebensqualität, die sie noch hätten. «Ich verliere zwar meinen Job, aber meine Leute verlieren ihre Bewegung. Es geht mir um die Gesundheit, nicht um meine Stelle», sagt Alice Aerne. Als Wattwilerin ist sie an der ausserordentlichen Bürgerversammlung vom 23. September nicht stimmberechtigt. Deshalb haben auswärtige Hallenbadbenutzer eine Petition für die Erhaltung des Bads gestartet. Zahlreiche Unterschriften gingen bereits ein. Denn, so sagt Alice Aerne: Ein anderer Trainingsort wäre «sehr schwierig» zu finden. «Die Bäder in der Region sind alle voll belegt.» Und wer etwas Neues suche, müsse sich fragen: «Wie weit kommen Kunden noch mit?»

Das gleiche Problem hätte Atiya Celik. In Degersheim besuchen derzeit 40 Kinder ihre Schwimmschule. Viele von ihnen haben Mühe mit der Motorik, einige können keinen anderen Sport betreiben. Der Unterricht gibt ihnen Sicherheit. Viele Eltern seien geschockt gewesen, als sie von der Schliessung vernahmen, sagt Atiya Celik. Sie wüsste nicht wohin, wenn das «Sennrüti» schliessen würde. «Alle Hallenbäder in der Region sind besetzt. Und man wäre dann dort ja Konkurrenz, ich will aber anderen nicht schaden.»

Gut genutzt, teuer im Betrieb

Auch im Hallenbad Sennrüti sind die Belegungen fix vergeben. Hauptnutzerin ist die Schule. Private Belegungen werden über eine Bahnmiete abgerechnet: 10 Franken pro Bahn und Stunde. Teilnehmer zahlen regulären Eintritt. Mit dem Schulschwimmen, den Gruppen und den normalen Öffnungszeiten für alle ist das Bad laut Alice Aerne «sehr gut ausgelastet». Dennoch: In den letzten vier Jahren haben die Einnahmen die Ausgaben nur zu 20 Prozent gedeckt. Das geht aus dem Antrag des Gemeinderats für die ausserordentliche Bürgerversammlung hervor. Das Problem ist nicht, dass das Bad nicht gut genutzt würde – das Problem sind die hohen Betriebskosten. Hanni Indermaur aus Degersheim ist selbst täglich im Bad anzutreffen. Sie sagt: «Volkswirtschaftlich ist der Entscheid falsch, betriebswirtschaftlich richtig.»

Mya* und Felix* gehen seit einem Jahr in die Schwimmgruppe von Peter Stalder. «Mit grosser Freude», wie ihre Mutter erzählt. Die Bewegung im Wasser tue ihnen gut. Mindestens einmal pro Woche sei die ganze Familie im Hallenbad. Ginge das Bad zu, würde die Mutter beim Schwimmclub Herisau anfragen. «Unsere Kinder sollen doch das machen können, was ihnen Spass macht.»

Auch Caroline Ligterink würde das Hallenbad vermissen. Viele Einwohner seien auf die medizinische Wirkung des Wassers, etwa bei rheumatischen Beschwerden, angewiesen. «Ältere Degersheimer würden nicht in ein anderes Bad wechseln», ist sie überzeugt. Sie schlägt vor, das Bad weiter zu betreiben, bis ein grösseres technisches Problem auftritt. «Dann kann man es immer noch schliessen.» Ihre Kurse könnte sie auch ohne Bademeister geben, sie verfügt – wie andere Kursleiterinnen auch – über die nötige Ausbildung (CPR und Rettungsschwimmen). «Es gibt genug Graues, bevor das schwarze Tuch fallen muss.»

Ideen sind vorhanden

Für Gemeindepräsidentin Monika Scherrer zeigt sich die Situation nicht so einfach. «Wir müssen jetzt wissen, was wir budgetieren können», sagt sie. Die Schliessung hinauszuschieben, könne deshalb nicht die Lösung sein. Wie man das Hallenbad privat oder auf anderer Basis weiterbetreiben könnte, müsste man nach dem Bürgerentscheid analysieren. Um Alternativen zu suchen, habe schlicht die Zeit gefehlt: «Das wäre nur unseriös gewesen.» Der Gemeinderat werde sich aber – falls das Volk die Sparmassnahmen genehmigt – «Zeit lassen, um Möglichkeiten für einen Weiterbetrieb zu prüfen.»

Ideen gibt es bereits. Hanni Indermaur hält einen Verein, eine Genossenschaft oder eine AG als Trägerschaft für möglich. Beteiligen könnten sich die Nutzer: Private, Vereine, die Schule, die Stiftung Säntisblick. «Auch umliegende Gemeinden müsste man anfragen», sagt Hanni Indermaur. Sie glaubt, es gäbe genügend Sympathisanten, die etwas zu zahlen bereit wären.

Andere sind sich da nicht so sicher. Etwa Caroline Ligterink: «Welcher Private würde das schon machen?» Ein Stimmungsbild wird sich am nächsten Mittwoch, 18. September, zeigen. Dann findet in der «Steinegg»-Aula um 20 Uhr die Vorversammlung statt.

*Name geändert