Die «Wiler Krankheit»

Sebastian Keller
Drucken

Die Zukunft küsst wieder einmal das Murgtal. Vier­- mal pro Stunde soll das rot-weisse Bähnli ab Frauenfeld Richtung Wil Fahrt aufnehmen. Ein Viertelstundentakt, praktisch eine eisenbahntechnische Standleitung der Murg entlang. Ein Blick auf den Fahrplan erübrigt sich wie bei Trams in Grossstädten. Wer dann­zumal den Zug verpasst, muss sich sogar sputen, noch eine E-Zigaretten-Füllung am Kiosk zu kaufen, sonst ist schon die nächste Abfahrt Geschichte.

Doch die Geschichte zeigt auch: Die bahntechnische Zukunft war in der Vergangenheit von Ängsten begleitet. Als die Schmalspurbahn in der Zwischenkriegszeit grossspurig von Dampf auf elektrischen Antrieb umstellte, waren ob des technischen Fortschrittes auch kritische Stimmen zu vernehmen – und zwar nicht nur von Köhlern. Ernst Nägeli berichtet in seinem Thurgauer Anekdotenbuch «En Chratte voll Öpfel» von aufkeimenden Familiensorgen. Der Autor schreibt: «Es gab in Frauenfeld aber Frauen durstiger Männer, die in Sorge waren, ihre Gatten könnten, wenn es so rasch zu erreichen sei, zu gerne in dem wirtshauswonnigen Wil verweilen und von der ‹Wiler Krankheit›, dem Wirtshaushocken und Schöppeln, angesteckt werden.»

Schrieben wir noch immer das Jahr 1922, die Scheidungsrate würde mit der Einführung des Viertelstundentaktes ansteigen wie der Bierkonsum bei schönem Wetter. Doch ernsthafte Bedenken sind auch in der heutigen Zeit zu vernehmen. Mittlerweile hat die Forschung nachweisen können, dass auch die Frauen vor einer Ansteckung der «Wiler Krankheit» nicht gefeit sind. Nun sind die Frauenfelder Männer in ernsthafter Sorge. Sie befürchten, beim Wirtshaushocken und Schöppeln ihrer eigenen Gattin gegenüberzusitzen.

Sebastian Keller

sebastian.keller@thurgauerzeitung.ch

Aktuelle Nachrichten